Konzerte & Party

JAW im Yaam

JAW

tip Auf Deiner ersten EP „Seelensturm“ (2003) beginnt der Titelsong mit einem Sample aus der Verfilmung von „American Psycho“. Sind Buch oder Film programmatisch für deine Songs?
JAW Eine feine Frage. Ich denke Bücher wie Filme helfen dabei, neue Welten in unseren Köpfen entstehen zu lassen. Vermutlich war das auch schon immer ein bisschen mein Anspruch, Musik ins Bildliche zu erheben und durch solche Mittel zu erweitern. Ein Popwissenschaftler sprach mal von der Fiktionalisierung, die vor allem durch Filmsamples erzielt wird. Man erweitert die nüchterne, greifbare Welt ins Fiktive.

tip Bleiben wir bei dem Thema „Psychoathen“. Was macht in deinen Augen einen Psychopathen aus?
JAW Unter einem Psychopathen verstehe ich jemanden, der völlig in seiner eigenen Wahrnehmung gefangen ist und seine Umwelt nur unzureichend reflektieren kann. Dementsprechend mangelt es meist an Mitgefühl und diese Tatsache macht den Psychopathen für uns „gefährlich“, weil er Dinge tut, die anderen schaden könnten. Wenn man nach dieser These geht, gibt es aber wohl eine Menge Psychopathen, was ich auch so unterstreichen würde.

tip Die amerikanische Anthropologin Ruth Benedict kam zu dem Schluss, dass Eigenschaften, die Menschen in einer bestimmten Gesellschaft stigmatisieren, in anderen Gesellschaften einen hohen Wert besitzen können.
JAW Natürlich, ich habe neulich gelesen, dass der einzige Wert der menschlichen Moral, der in allen Kulturen die gleiche Anerkennung besitzt, die Freiheit darstelle. Das würde ich aber bestreiten, wenn man bedenkt, wie in manchen Kulturen nach wie vor Frauen oder Minderheiten versklavt und misshandelt werden. Es gibt kein allgemein anerkanntes Gut und Böse, das ist das Interessante.

tip Borwin Bandelow, ein deutscher Neurologe, kommt zu dem Schluss, dass Borderliner und Psychopathen etwas eint: Die Tatsache, dass wenig körpereigene Glückshormone ausgeschüttet werden, daher Sucht und Extremsituationen für sie eine große Bedeutung haben.
JAW Das mag sein, das trifft aber auf sehr viele Menschen in unserer industriellen, kapitalistischen Leistungsgesellschaft zu, dass der Kontakt zu sich selbst verloren gegangen ist und man sich dadurch von Grund auf „nicht wohl fühlt“. Dementsprechend jagen viele Menschen ja auch Dingen wie Reichtum, Macht, Anerkennung und Drogen nach. Ich denke, das ist ein grundsätzliches Problem der westlichen Welt, wir haben alles und sind dabei trotzdem ziemlich unglücklich.

tip Du rappst, aber im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht selbstreferenziell. Man hat den Eindruck, dass Du Dich nicht unbedingt als Teil der HipHop-Community verortest.
JAW Naja, ich bin insofern ein Teil der Community, als dass ich die Musiksparte bediene. Aber ich habe meines Erachtens nicht so viel gemein mit dem Rest. Ich denke schon, dass ich oft selbstreferenziell rappe und einen großen Wirbel um meine Person mache (Dokta Jotta z.B.). Da ist schon nach wie vor ein aufmerksamkeitsgeiles Opfer in mir, das sich im Sinne der „Competition“ über andere erheben möchte.

tip Während einige Rapper aber immer wieder die Klischees der Straße bemühen, kommt in Deinem Song „Meine Fans“ der Mikrokosmos Uni vor: „Sie nehmen Drogen, um Kommilitonen zu tolerieren.“ Du rappst ebenfalls, dass Du wie Deine Fans seiest. Wie nahmst Du Uni und Studieren wahr?
JAW Die Uni war für mich immer ein ziemlich komischer Ort. Ich konnte dort nicht viel mit den Leuten anfangen, aber das ist ein generelles Problem. Ich hasse eben auch diese hochnäsige, pseudoaristokratische Selbstüberschätzung, die viele Studenten an den Tag legen. Kaum haben sie ihr Grundstudium hinter sich und ein bisschen durch die UB gestöbert, halten sie sich für die obere Riege der Gesellschaft. Widerlich. Sonst war es aber cool, weil man viele interessante Sachen lernen kann und sein Gehirn ordentlich fordert, was wiederum natürlich oft sehr anstrengend ist, vor allem wenn man so ein blockierter Wirrkopf wie ich ist.

tip Inwieweit erweist sich das Studium der Musikwissenschaft für deine Kunst als nützlich?
JAW Durchaus nützlich. In meiner Abschlussarbeit habe ich zum einen ein Konzept entwickelt, wie man Rapmusik auf verschiedenen Ebenen analysieren kann und zudem die Wirkung auf Jugendliche herleiten kann. Zudem habe ich halt viel in Sachen harmonischer Zusammenhänge gelernt und arbeite das jetzt in meine Produktionen ein.

tip Du bist in Köln geboren, in Freiburg aufgewachsen… wenn Du die beiden Städte mit Berlin vergleichst…
JAW Kann man nicht vergleichen, an Köln erinnere ich mich kaum, hab es aber nicht unsympathisch wahrgenommen, nachdem ich vor ein paar Jahren mal wieder vor Ort war. Freiburg ist halt furchtbar, überall happy sunshine, pseudorevolutionäre Linke, dann irgendwelche Yuppies und Schickimickis, oder halt auch eingebildete Studenten. Mir hat es da nie so gefallen, aber ich bin auch kein einfacher Geselle.

Interview: Ronald Klein

JAW, Yaam, Sa 29.06., 19 Uhr

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