Konzerte & Party

Jay Brannan im frannz

Jay Brannan

Vor seinem Auftritt im Berliner Frannz Club haben wir mit ihm über Sex zu dritt, religiöse Musik und düstere Texte gesprochen.

tip Für das Casting bei „Shortbus“ mussten Sie, wie alle anderen Darsteller, ein 10-minütiges Video einsenden und von einem prägenden sexuellen Erlebnis berichten. Was war das bei Ihnen, Mr. Brannan?
Jay Brannan (lacht) Eigentlich wollte ich eine komplizierte dramatische Geschichte über ein hochemotionales Erlebnis erzählen, aber als die Kamera erstmal lief, schwafelte ich bloß. Schließlich erzählte ich jede Menge Witze. Am Ende des Tapes spielte ich einen meiner Songs auf der Gitarre. Erst kurz zuvor hatte ich meine erste Gitarre gekauft, und das war erst der dritte Song, den ich jemals geschrieben habe.

tip In „Shortbus“ singen Sie und Ihre beiden Sex-Partnern während eines Dreiers die amerikanische Nationalhymne gegenseitig in Ihre Hintern. Gibt es seitdem überhaupt noch Situationen, die sie nervös oder verlegen machen?
Jay Brannan Doch, sicher, ständig. (lacht) Damals war ich noch mutiger. Ich bin nicht sicher, ob ich für solch ein Projekt jetzt noch mal den Mut hätte. Ich bin froh, dass es damals so passiert ist. Witzigerweise war ich vor den Sex-Szenen gar nicht nervös, sondern vor den Dialogen, da es meine erste Filmrolle war. Letzten Endes wurde die Sex-Szene ziemlich verrückt. Glück für uns, dass die Figuren tatsächlich eine verrückte Zeit durchleben sollten. So ging alles gut auf.

tip Ihre Musik ist dagegen weniger kontrovers. Oder?
Jay Brannan Das könnte schon sein. „Shortbus“ entstand ja in Zusammenarbeit mit vielen Leuten. Meine Musik hingegen reflektiert mich als in sich gekehrten und manchmal isolierten Menschen. Vielleicht allzu sehr. (lacht) Natürlich hat das einen anderen Stil. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass sie nicht kontrovers ist. Wenn man auf die Texte achtet, sind die ziemlich ungesellig, besonders zu Beginn meiner Laufbahn. Mein erstes Album hieß „Goddamned“ und der Titelsong handelt kontrovers von Religion. Manche Läden weigerten sich, sowas zu verkaufen, schon des Namens wegen. In einem anderen Song kommt in einem einzelnen Vers neunmal das Wort „fuck“ vor. (lacht) Wenn man bedenkt, wo ich herkomme, welchen konservativen, religiösen Hintergrund ich habe, überschreitet meine Musik schon Grenzen des sozial Akzeptierten. Berlin ist da vielleicht eine andere Welt, aber Sie müssen meinen Kontext berücksichtigen. (lacht)

tip Ihre Texte sind tatsächlich eher düster. Wie passt das zu den eingängigen Melodien und Harmonien?
Jay Brannan Ich weiß nicht mal, ob es das tut. Ich plane nicht, ich mache einfach drauf los. (lacht). Ich schreibe authentische Texte und singe Melodien, die sich für mich gut anhören. Für mich persönlich ist das Nebeneinander von Dingen, die nicht offensichtlich zusammengehören, eine schöne Sache. Eine meiner Lieblingsmusikerinnern ist Lisa Loeb. Sie hat ein sehr süßes Image, aber wenn man ihre Texte hört, sind die stark und zornig. Ich selbst singe viel über Schmerzliches, aber ich versuche, dabei meinen Sinn für Humor zu bewahren. Schmerz und Humor gehören für mich eng zusammen.

tip Sie werden mit Tracy Chapman und Joni Mitchell verglichen.
Jay Brannan Das ehrt mich, obwohl ich nicht einen Bruchteil ihrer Talente habe. Tracy Chapman hab ich als Teenager viel im Radio gehört. Das wirkt bestimmt noch nach. Joni Mitchell hab ich erst spät für mich entdeckt, als ich schon selbst Musik machte, aber jetzt liebe ich sie sehr. Ansonsten beeinflussen mich Ani DiFranco, The Cranberries, Tori Amos, Björk und Lisa Loeb. Hauptsächlich zornige Sängerinnern aus den Neunzigern. (lacht) Ich bin inmitten von Musik aufgewachsen und sehr viel religiöser Musik ausgesetzt gewesen. Phasenweise hab ich viel Country oder R&B gehört. All das hat mich wohl beeinflusst.

tip Ein Song auf dem aktuellen Album heißt „My Last Day On Earth”. Wie würde ein solcher Tag für Sie aussehen?
Jay Brannan Ich würde mir da gerne etwas wirklich Ausgeglichenes und Wunderschönes vorstellen, etwa am Steilhang zu stehen mit Panorama-Blick auf den Ozean oder ein fremdes Land. Aber wahrscheinlich wird es viel banaler. Der Tod kann unerwartet kommen, also werde ich wohl bloß einen langweiligen Tag erleben und die Straße zum falschen Zeitpunkt überqueren. Oder ein Zusammenbruch im Supermarkt. (lacht)

tip Ein anderer neuer Song heißt „Changed“. Wie haben Sie selbst sich während der letzten Jahre verändert?
Jay Brannan Ich bin inzwischen weniger zornig und eher bereit, Hoffnung zu finden. Das sind Überlebensmechanismen gewesen, die ich inzwischen nicht mehr so sehr brauche. Bei mir ist gerade Vieles im Umbruch, und darum geht es auch auf meinem neuen Album. Inzwischen erreiche ich auch ein Alter, in dem ich auf mich selbst als jüngeren Menschen zurückblicken kann, mit genug Distanz, um wirklich Veränderung wahrzunehmen.

tip Von Anfang an hatten Sie treue Fans, durch Ihre Aktivitäten auf Myspace, Facebook und YouTube. Wie wichtig ist es für einen Musiker heutzutage, die Internet-Community zu befriedigen?
Jay Brannan Das hängt davon ab, wer man ist. Als Superstar mit großer Werbemaschinerie hinter einem, hat man sicher die Wahl, wie viel man mit dem Internet machen will. Ich selbst habe das Internet genutzt, weil das für mich eine verfügbare Ressource war. Zu der Zeit, als ich anfing Musik zu machen, wurde das Internet gerade nützlich als Plattform und Kommunikationsmittel. Die Leute erwarten tendenziell sehr viel von einem Künstler. Sogar zu Superstars haben sie quasi direkten Zugriff, sodass sie noch mehr Interaktion erwarten. Die Social Media haben meine ganze Karriere erst ermöglicht, aber sie können einen auch erdrücken. Man muss auch mal eine Pause von ihnen machen. Das Internet kann ein rauer Ort sein, aber es hat mir auch viel positives Feedback beschert, das mich hat weitermachen lassen.

tip Werden Ihre Songs live in Berlin anders klingen als auf den Alben?
Jay Brannan Ich spiele immer solo, nur mit Gitarre. Ein paar Mal hab ich mit Streichern gespielt, aber auf Tour geh ich alleine. Die Alben sind ja auch meist minimalistisch und reduziert. Manchmal enthalten sie trotzdem mehr Instrumente, mehr Textur, aber selbst diese Songs entstehen um ein Gerüst herum, das ich für Gitarre und Gesang geschrieben habe. Ich mach einfach gerne mein eigenes Ding.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto: Tommy Kearns

Jay Brannan, frannz Club, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, Di 7.10., 21 Uhr.

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