Garage-Folk

Jen Cloher im Monarch

Jen Cloher macht DIY-Folk und betreibt ihr eigenes Label – mit ihrer Partnerin, die keine geringere als Courtney Barnett ist. Wie funktioniert eine Beziehung, die unterschiedliche Grade von Erfolg aushalten muss?

Foto: Tajette O’Halloran

Eifersucht, Neid, Missgunst: für Jen ­Cloher völlig fremd. Mit warmer, ­gütiger Stimme – fast schon meditativ – beschreibt sie, wie ihre Freundin Courtney Barnett scheinbar über Nacht zum gefeierten Slacker-Pop-Shooting-Star wurde. Dass das gesteigerte Interesse an ihr dazu führte, dass man sich außerhalb der australischen Heimat auch für Jen zu interessieren begann, weiß sie. Und freut sich darüber. Keine Abwehrhaltung, kein Zähneknirschen. Ausnahmslos liebe Worte.
Die beiden wohnen zusammen in Melbourne. Jen arbeitet schon seit knapp zwölf Jahren aktiv als Musikerin, ihr aktuelles Album „Jen Cloher“ ist ihr mittlerweile viertes, zwischen zahlreichen Singles und EPs findet sie immer auch Zeit für allerlei Spielfelder der Kunst. Sie malt, stellt aus, schreibt, veranstaltet – und managt nebenher ihr eigenes Label. „Courtney und ich haben Milk Records vor fünf Jahren gegründet und unglaublich viel Energie in das Projekt reingesteckt“, sagt sie. „Die Bands, die wir vertreten, sind allesamt unsere Freunde, weshalb sich das Label wie ein Familienunternehmen anfühlt.“

Zugegeben, Jen leitet ein durchaus spezielles Familienunternehmen. Ihr Alltag setzt sich aus zwei Aufgabenfeldern zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Morgens schreibt sie zu Hause Songs, den restlichen Tag verbringt sie in der Firma. Die Reibung zwischen Kreativjob und staubiger Bürotätigkeit treibt sie an: „Das mag verrückt klingen, aber beides befruchtet sich tatsächlich gegenseitig.“ Musik, inspiriert von Rechnungen-Schreiben und Mails-Beantworten? Eine seltsame Vorstellung. Und nicht wirklich etwas, das man ihrer neuen Platte anhören kann. Zum Glück.

Wenn Jen spricht, wirkt sie erfahren, fast schon weise. Ihre Gedanken sind strukturiert, die Sätze gut überlegt und stets mit fast schon gespenstischer Ruhe vorgetragen. Große ­Karriereziele habe sie sich nie gesteckt. Von Album zu Album zu leben, habe sie als Künstlerin auf sehr organische, gesunde Weise reifen lassen. Ausgeglichenheit als Lebensmaxime. Nichts vorschnell emotionalisieren. Und die Dinge bloß nicht allzu schwer nehmen. Kann das Leben bitte immer so unaufgeregt sein?

Jen wurde 1973 geboren, ihre Freundin Courtney 1988. Die beiden trennen ganze 15 Jahre. Für sie zwar ein Thema, aber kein Problem. Im gemeinsamen Song „Numbers“ machen sie schnörkellos deutlich, was sie davon halten: „I know they’re just numbers, numbers stand for routes of busses“ heißt es darin. Eine süße Weise, die bloße Tatsache einfach nur Tatsache sein zu lassen und als Nichtigkeit abzutun. Keine blumige Poesie, keine Metaphern, ­keine Metaebenen.

Auch ohne Courtney funktioniert Jens Musik so. Ihre Songs sind nicht sonderlich verschachtelt, sie benutzt keine komplexen Bilder, die als rhetorische Figuren verkleidet Platzhalter für nackte Gedanken sind. Im Gegenteil: Ihr neues Album wirkt wie eine Konversation der Künstlerin mit sich selbst. Der Zuhörer wird zum stummen Teilnehmer des inneren Monologs. Eine Platte wie eine Einladung zum Logenplatz in Jens limbischem System. Es geht um Einsamkeit, ­Liebe, Weltschmerz – ist aber überhaupt nicht dramatisch. Der Weg dorthin manchmal schon. „Nicht nur das Songwriting, sondern das Schreiben im Allgemeinen ist verdammt schwierig“, sagt Jen. „Das kann nicht jeder machen.“ All das Straucheln sei aber Teil des kreativen Prozesses und deshalb etwas, das in Kauf genommen werden müsse.

Der unzerstörbare Antrieb dieser Frau ist beachtlich. Man möchte ihr unterstellen, eine Superheldin zu sein. „Wir leben in unsicheren Zeiten, die weltpolitische Lage ist wirklich bizarr. Länder schotten sich lieber ab, als sich einander zu öffnen. Es ist traurig, der Welt dabei zuzusehen, wie sie sich zurückent­wickelt“, sagt Jen. Sie beobachtet ihr Umfeld akribisch, nimmt Details wahr, analysiert sie und tritt am Ende vor allem mit sich selbst in Verhandlung, bevor sie die Außenwelt an ihren Ansichten teilhaben lässt.

Kein Wunder, dass eine Musikerin wie sie viel Wert darauf legt, bedeutungsvolle Musik zu unserer Zeit beizutragen. „Wir müssen ehrlich sein“, sagt sie, „und darüber sprechen, wie sich unsere Leben anfühlen, Dinge thematisieren, die uns berühren und beschäftigen.“ Ihr Album wird diesem Anspruch gerecht: Es ist ihr irre nah, nimmt in den Arm, tröstet, macht Mut. „Ich hoffe, die Leute fühlen sich durch meine Aufzeichnungen weniger einsam“, sagt Jen. Ihre Musik: ein Ventil, um die eigenen emotionalen Abgründe auszuleuchten und am Ende – und das ist das Besondere – zu überwinden. Nicht im Selbstmitleid versinken und flennen.

Jen glaubt an die kreative Kraft, der man sich bedienen kann, sobald man sich seiner Gefühle bewusst wird. „So nähert man sich der eigenen sensiblen Seite an“, sagt sie, „und das kann etwas sehr Produktives sein.“ Die Produktivität zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, ohne dabei in Arbeitswahn auszuarten.

Um eine gehaltvolle Person zu sein, ­jemand mit Haltung und der Fähigkeit, etwas zu erschaffen, hält sich Jen von mancherlei Dingen fern: zum Beispiel der Informations­flut im Netz. „Es saugt dich aus, ständig ­online zu sein, um die Geschehnisse in der Welt zu verfolgen“, sagt sie und weiß um die großen Gefahren, die solch ein Konsumverhalten mit sich bringt. Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht. Überforderung, sobald man von der eigenen Hilflosigkeit übermannt wird. Ein Mensch mit Herz ertrage es nicht, ständig mit ungefiltertem Leid konfrontiert zu werden. Sie lese morgens deshalb einzig die örtliche Tageszeitung und höre den Podcast von „New York Times“-Autor Michael Barbaro. Twitter und Facebook als Informationsquellen? „Bloß nicht“, sagt Jen, „jedenfalls nicht, wenn man produktiv bleiben will.“

Monarch Skalitzer Str. 134, Kreuzberg, So 17.9., 21 Uhr, VVK 9,10 €

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