Konzerte & Party

Jessie Ware im Astra Kuturhaus

Jessie Ware

Sie ist derzeit viel beschäftigt. Man kriegt sie kaum zu fassen. Auch am Abend des 20. Februar hatte Jessie Ware wieder einen Termin. Sie wurde in der Londoner O2 Arena erwartet, bei der Verleihung der diesjährigen Brit Awards. Sie war gleich zwei Mal nominiert, als beste britische Solokünstlerin und als Best Breakthrough Act. Am Ende ging sie in beiden Fällen leer aus, aber das wird sie nicht überrascht haben. Die Brit Awards sind die wichtigsten Musikpreise, die man in Europa vergibt. Aber sie werden nach rein kommerziellen Kriterien verteilt, was bedeutet, dass Ware im Vergleich zu einer Emeli Sandй von vornherein im Nachteil war. Die Schottin kann hohe Verkaufszahlen und nervtötende Hits vorweisen, ihre aus dem Süden Londons stammende Kollegin dafür die bessere und persönlicher wirkende Musik. Dafür gibt es nur selten Auszeichnungen. Auch nicht für die Single „Wildest Moments“, die Ware bekannt gemacht hat und die wegen ihres bei Billy Squier abgekupferten Drumbeats auffällt. Die Idee dazu ist in Zusammenarbeit mit Kid Harpoon entstanden, der auch schon für Florence Welch gearbeitet hat. Typischer für Wares Stil sind andere Tracks. „Sweet Talk“ zum Beispiel. Hier hört man neben der Stimme und einer dezenten Gitarre praktisch nur elektronische Drumbeats, die aus dem Hause Prince stammen könnten. Die Achtziger sind fraglos eine Lieblingsdekade dieser Frau. Von ihnen ist sie viel mehr fasziniert als von den beiden Jahrzehnten davor, die heute im Übermaß als Bezugspunkte hervorgeholt werden, wenn es um Pop mit kräftigem Soul-Anteil geht. Ware profitiert von ihrer Vorliebe. Durch sie wird sie zur modernen Diva.
Jessie WareViel hätte nicht gefehlt und sie wäre in einer völlig anderen Sparte gelandet. Vater John war lange Jahre Fernsehreporter der BBC und arbeitete für das politische Magazin „Panorama“. Auch die Tochter liebäugelte schon früh mit dem Journalismus. Während eines Schulpraktikums lernte sie, wie man druckreife Sportberichte schreibt und an Zeitungen verschickt. Später studierte Ware englische Literatur und arbeitete als Produktionsassistentin für eine Firma, die Dokumentarfilme dreht. Wahrscheinlich wäre sie heute noch in dieser Richtung tätig, wenn sich nicht ein gewisser Jack Peсate bei ihr gemeldet hätte. Der Sänger und Songschreiber („Torn on the Platform“) machte Ende des Jahrzehnts als aufgewecktes Pendant zu Pete Doherty von sich reden und benötigte für seine Tourneen eine Begleitsängerin. Da fiel ihm Ware ein, mit der er zusammen auf die Schule gegangen war und deren Stimme ihm in Erinnerung geblieben ist. „Jack war ein Vorbild für uns alle. Er machte vor, dass man nicht immer den geraden Weg gehen muss. Er wusste, dass man sein Studium ruhig hinschmeißen kann, wenn man von der Musik überzeugt ist. Er war in unserer Altersgruppe der erste an Musik interessierte Mitschüler, der einen Plattenvertrag unterschrieben hat. Natürlich sagte ich zu, als er mich anrief“, erinnerte sich Ware in einem Gespräch mit der Tageszeitung „The Independent“. Über Peсates Band entstand der Kontakt zu Aaron Jerome, der seit 2009 Dance-Tracks unter dem Namen SBTRKT produziert. Er verschaffte Ware in seiner Single „Nervous“ den ersten großen Auftritt in einer Studioaufnahme. Wenig später folgte ein weiterer Gastauftritt in der Single „The Vision“ von Dubstep-Protagonist Joker. Ware fühlte sich in Gesellschaft dieser Underdogs sofort wohl. Sie steht offenkundig nicht auf Cracks, die ihre Klientinnen bloß routiniert in eine längst populäre Richtung drängen. Sie findet Leute aus der Clubszene spannender. Tüftler mit neuen Ideen, die sich beweisen müssen. So kam sie auf Dave Okumu, der mit der Band The Invisible zwei großartige Alben aufgenommen hat und ein guter Bekannter von Matthew Herbert und Hot Chip ist. Okumu hat für Wares erstes Album „Devotion“ im Hintergrund die Strippen gezogen. Seine elektronischen Grundierungen schlängeln sich sanft flirtend um den sinnlichen Vortrag der Debütantin. Man denkt manches Mal an Mary Davis von der S.O.S. Band. Oder an Shara Nelson, die zu Beginn für Mas­sive Attack gesungen hat. Oder auch an Sinead O’Connor. An Frauen, die wissen, wie man eine Stimme einsetzt, ohne zu übertreiben. Es geht um Feinheiten.
Natürlich hätte Ware unter diesen Voraussetzungen gerne eine dieser neuen, von Damien Hirst gestalteten Brit-Award-Statuen gewonnen. Aber sie kann auch ohne so ein Ding leben. Man hat nicht den Eindruck, dass sie ihren Platz im Rampenlicht um jeden Preis erzwingen will. „Ich wäre gerne privater Popstar, so wie es Sade oder Annie Lennox sind“, wird die 28-Jährige vom „Guardian“ zitiert. Das nimmt man ihr sofort ab. Nicht nur auf Platte oder vor dem Reportermikrofon, sondern auch auf der Bühne übt sie sich in Zurückhaltung. Mit ihrem an Catherine Zeta-Jones erinnernden Aussehen, das sie gerne mit einem Dutt und schwarzweißen Kostümen garniert, fällt sie ohnehin aus dem Rahmen. Da muss sie sich nicht noch künstlich produzieren.

Text: Thomas Weiland

Jessie Ware, Astra Kulturhaus, Di 26.3., 21 Uhr, VVK: 19 Euro zzgl. Gebühr

Fotos: James Moriarty

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