Konzerte & Party

Jochen Distelmeyer: „Heavy“

Jochen Distelmeyer: Der Song „Murmel“ klingt wie aus dem Blumfeld-Abschiedswerk „Verbotene Früchte“, ist jedoch ein neues Solostück Jochen Dis­telmeyers. Er singt über seelisches Gleichgewicht, die Witterung, Kinder, Tagträume, die Angst vor dem leeren Blatt – und fordert wieder, etwas schwammig, Abgrenzung: „Die Menschen in den Straßen benehmen sich wie Vieh, laufen mit und fühlen nach Vorschrift“.
Und doch unterscheidet Dis­­telmeyers Alleingang einiges von Blumfelds letztem Album. „Heavy“ ist eine milde Enttäuschung. Nicht unbedingt wegen der Melodien. Davon sind Distelmeyer immerhin vier von zehn gelungen, darunter die Single „Lass uns Liebe sein„, eine geschick­te Montage aus „Status Quo Vadis“ (1999) und „Krankheit als Weg“ (2003). Selbstklau, siehe AC/DC, macht nichts, solange das Ergebnis markant klingt. Das Problem von „Heavy“ ist vielmehr der Sound. „Wohin mit dem Hass?“ klingt wie vom Schweinemetzger bestellt. Wurstiger Testos­teronrock. So was hätten Blumfeld noch zu „Testament der Angst“-Zeiten als Zitat dem Publikum vorgespielt, um zu zeigen, wie schlecht es um den hiesigen Indie-Rock bestellt ist. Und überhaupt: Warum hat Dis­­­telmeyer Blumfeld aufgelöst? Bandchef war er sowieso.
Die zweite Albumhälfte leidet dann auch noch stark unter Themenschwund. Dis­tel­meyers Beobachtungen sind nicht mehr über den Dingen schwebend, sondern vereinzelt ziemlich kleinbürgerlich – in „Nur mit Dir“ singt er von einer Ex, die ihn deprimiert, weil sie mit ihrem neuen Freund vor ihm steht, der sogar schon Dis­telmeyers Namen weiß. Seit wann will sich Distelmeyer mit Rivalen messen? So etwas eignet sich als Einspieler eines ZDF-Scheidungsdramas.
Wäre „Heavy“ ein Blumfeld-Album, es würde in deren Qualitätsranking den siebten und letzten Platz belegen. Gegen­über dem majestätischen „Old Nobody“ (1999) abzustinken ist ja keine Schande. Weil „Heavy“ aber unter dem neuen Label „Jochen Distelmeyer“ läuft, stellt dieses Debüt leider einen äußerst holprigen Start dar.

Text: Sassan Niasseri

tip-Bewertung: Zwiespältig

Jochen Distelmeyer, Heavy (Columbia Berlin/ Rough Trade)

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