Konzerte & Party

John Cale in der Passionskirche

John Cale

Alt oder neu? Diese Frage stellt sich John Cale gar nicht erst. Es treibt ihn instinktiv nach vorn, zu jenem ungewissen Gefühl, sich niemals des nächsten Schrittes sicher zu sein. Und damit ist die Arbeit des mittlerweile 70-jährigen Walisers auch die mit Abstand interessanteste, die aus der Urbelegschaft von The Velvet Underground entstammt. Im Alleingang schrieb, arrangierte und produzierte Cale zwölf neue Songs in seinem Studio in Los Angeles. Nur beim flott dahinpolternden Eröffnungsstück „I Wanna Talk 2 U“ unterstützte ihn der umtriebige Brian Burton alias Danger Mouse. Die komplex geschichteten Tracks wurzeln allesamt auf Rhythmusmustern. Cale komponiert an der Drum Machine, nicht am Klavier, er bastelt vertrackte Grooves und kreiert vielschichtige elektronische Klanglandschaften, die dem Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ entnommen sein könnten. Samples von vietnamesischem Mädchensingsang finden Verwendung, er geigt wie ein Berserker, hämmert auf dem Piano und verfremdet immerzu seine Gesangsstimme. John Cales modernistisches Klangdesign und der Unwille sich zu wiederholen, rühren aus dem Geist der europäischen Avantgarde, die ihn seit seiner Jugend prägt. Er ist ein Komponist, der Rock’n’Roll liebt und der Snoop Dogg ebenso schätzt wie John Cage. „Shifty Adventures In Nookie Wood“, Cales erstes Album seit „Black Acetate“ von 2005, ist ein Trip in eine diffuse Zwischenwelt, irgendwo zwischen Dylans „Desolation Row“ und Cohens „Boogie Street“.

Text: Jacek Slaski

Foto: Shawn Brackbill

John Cale, Passionskirche, Di 16.10., 20 Uhr, VVK: 41 Euro zzgl. Gebühr

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