Konzerte & Party

Johnny Winter im Kesselhaus

johnny_winterWenn Ikone Johnny Winter zur raren Gig-Gelegenheit lädt, lässt sich die Berliner Blues-Gemeinde nicht lange bitten. Zumal, wenn im Vorprogramm Hundred Seventy Split doppelte Roots-Bedienung versprechen. Dahinter verbirgt sich nämlich personell die Hälfte der alteingesessenen Ten Years After mit einem Nebenprojekt. Dementsprechend positiv fallen die Reaktionen auf die Band aus, die mit druckvollem und differenziert klaren Bluestönen das ausverkaufte Kesselhaus einstimmt. Beine und Köpfe wippen anerkennend im Takt, wie ein Blick in die Ü50-Runde beweist. Nachdem das Saal-Licht samt dezenter Pausenmusik wieder an ist, kann man gar Gesprächen lauschen, wonach manch Zuschauer Hendrix noch live erlebt habe.

Weiß wie Schopf und Haut des Albinos und Altmeisters Winter ist dementsprechend die Trendhaarfarbe im Auditorium, genauso wie Jeans und Lederwesten für ein paar Stunden ihr modisches Comeback feiern. Kurz nach neun schwingt sich Winters Begleitband auch schon in ihr Intro, zu dem der gebrechliche Bandleader seinen Platz auf dem Barhocker in der vorderen Bühnenmitte einnimmt. Szenenapplaus setzt beim Erscheinen des 67-jährigen Gitarristen und Sängers ein, der schon in Woodstock die Massen begeisterte. Während Winters Gitarrenspiel unter Alter und Krankheiten keineswegs gelitten hat, hat es seine Stimme schon etwas schwerer, sich in Songs oder Ansagen Gehör zu verschaffen.

Doch auch der insgesamt etwas matschige Gesamtsound tut dem sumpfigen Groove keinen Abbruch. Winters Gitarre ruht sanft in seinem Schoß, bei Rock’n’Roll-Perlen wie Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ oder Ray Charles „Blackjack“ lässt er aber zumindest die Finger flink bis gefühlvoll übers Griffbrett tanzen. Nach gut 80 Minuten beendet „It’s All Over Now“ das Hauptprogramm, doch vorbei ist die Show noch nicht. Zum Bühnenrand gewackelt, schnappt sich Johnny seine Firebird-Gitarre und begibt sich in zwei lodernde Zugaben, die das begnadete Bottleneck-Talent des tätowierten Texaners unter Beweis stellen. Der alte weiße Blues, er  lebt also noch.

Text: Frank Thiessies

Foto: Kai Senf

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