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Jonathan Jeremiah im Magnet

Jonathan Jeremiah

Wäre man gezwungen, 1.000 Alben auf 100 zu reduzieren und sich dabei für die besten zu entscheiden – das Debütalbum „A Solitary Man“ von Jonathan Jeremiah hätte gute Chancen dabei zu sein. Anhand dieser elf Songs jedoch den Jahrgang zu bestimmen, wäre nahezu unmöglich. So zeitlos, so modernitätsfrei, so übergeordnet klingt es. Mit warmer, voluminöser Stimme spielt sich der 31-jährige Londoner aus dem Stand in die „Scott Walker/Tom Jones“-Liga, in ruhigeren Momenten erinnert er an die schwermütige Folklegende Nick Drake. Der Blue-Eyed-Soul erlebt mit diesem vielversprechenden Künstler eine Wiederkehr, wie man sie aktuell auch von Adele und Rumer an prominenter Position erfahren kann. Und wen man auch von ihnen befragt: Ihre Vorbilder und Ideale liegen in kalendarisch eher vergangenen Zeiten.
Jonathan Jeremiah stammt aus einer großen katholischen Familie mit drei Töchtern und zwei Söhnen. Der alltägliche Geräuschpegel wurde zusätzlich von Katzen und Hunden befeuert, und der einzige ruhige Platz im Haus war vor dem elterlichen Plattenspieler. Die Mutter hatte ein Faible für englischen Folk, der Vater für amerikanischen Soul. Und der Heranwachsende fand daran seine Freude und Zuflucht, lernte mit sechs Gitarre spielen, hörte mit zwölf Jimi Hendrix und anschließend Guns N’ Roses. Spätestens danach war er kuriert und hatte mit lärmendem Rock abgeschlossen. Cat Stevens, John Martyn, Serge Gainsbourg wurden nun endgültig zu seinen Koordinaten, egal ob sein Umfeld und die Altersgenossen diese Passion teilten. Mit 21 unternahm er eine ausgedehnte USA-Reise, auf der er in Kalifornien vergeblich Carole King, Carly Simon und The Mamas & The Papas suchte. Deren Sixties-Welt des Laurel Canyon Sounds, der menschenfreundlichen, harmonieseligen, gern auch psychedelischen Gegenkultur, die außerdem Songwriter wie Joni Mitchell, Jimi Webb und Jackson Browne hervorbrachte, war längst untergegangen. „Ich war dort hingegangen, weil ich glaubte, im Westen Gleichgesinnte zu treffen, aber als ich dann ganz alleine dastand, wusste ich mit einem Mal zu schätzen, was ich in der Heimat hatte.
In New York entstanden die Songs „Happiness“ und „A Solitary Man“, letzteres inzwischen mit einem ironischen Touch zu verstehen, denn so einzelkämpferisch die ursprüngliche Motivation war, so eingebettet ist die letztliche Umsetzung. Weit über 50 Musiker waren an der Entstehung des Debütalbums beteiligt und jeder einzelne von ihnen wurde von Jonathan Jeremiah, der mühselig die Gagen zusammengespart hatte, angeheuert, denn eine Plattenfirma war zunächst nicht in Sicht. Und so konnte er, ohne von Kommerzialitätsgedanken belästigt zu werden, seiner Vision nachgehen und seiner Soundästhetik kompromisslos folgen, denn ein Streichorchester durch Keyboards zu ersetzen, Stimmen durch ein Autotune-Programm zu jagen, war für ihn ein absolutes No Go. Ein analoger, organischer Studiosound wie zu Zeiten, als Burt Bacharach seine opulenten Luftschlösser zu entfalten begann und bei dem man vielleicht sogar noch die Holztafeln an der Wand knarren hört, das war seine Bedingung. Erst kurz vor Fertigstellung des Albums kam durch eine inzwischen aufgesprungene Plattenfirma die Verbindung mit Bernard Butler zustande, der Ex-Suede Gitarrist und Northern-Soul-Experte hatte bereits mit Duffy und Joss Stone ein glückliches Händchen bei der Wiedergeburt eines alten Sounds bewiesen, verheiratete Rock mit Motown, und so bekam der Song „Heart Of Stone“ senen Instant-Hit-Charakter, ohne der großen Vision zu schaden. Am Ende widmet Jonathan Jeremiah seinen Erstling dem verstorbenen James-Bond-Sounderfinder Sir John Barry. Nomen est omen.

Text: Christine Heise

Jonathan Jeremiah + Jodie Marie, Magnet, Di 11.10., 21 Uhr, 15 Euro

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