Konzerte & Party

Jуnsi in der C-Halle

JуnsiWer an Jуn Thor Birgissons Bühnen-Auftritte denkt, erinnert sich an eine schmale Gestalt im Gegenlicht: einer von fünf unscheinbaren Musikern inmitten umso auffälligerer Instrumente: Glockenspiel, Violinen, Celli und E-Gitarren, die wie Kniegeigen mit dem Bogen gestrichen werden. Man musste schon auf den Einsatz von Birgissons lupenreiner Knabenstimme warten, um ihn als Kopf von Sigur Rуs zu orten. Kaum eine Indie-Band, die die Aura edler Weltabgewandtheit konsequenter gepflegt hätte als die Langsamkeits-Ästheten aus Reykjavik.
Wie ein Paukenschlag wirkt da Birgissons Einstand als Solist. Auf seinen Rufnamen „Jуnsi“ hört er fortan; ähnlich flott schwingt sich die Leitsingle „Go Do“ auf: mit fröhlich wildem Rhythmus und einem süßen Popchorus, der nicht lang auf sich warten lässt. Im Video sieht man den 34-Jährigen auf Bäumen krackseln, geschmückt mit prächtigen Vogelfedern: eine Art Harlekin aus der Commedia dell‘Arte. An den Pfau, der stolz sein Rad präsentiert, denkt man noch öfters im Lauf der Platte. Statt gemächlich lodernder Liegetöne und Hall-Effekte а la Sigur Rуs kommt „Go“ überraschend groove-freudig und offenherzig daher: Mal drischt Drummer Samuli Kosminen fröhlich auf einen alten Reisekoffer ein, woanders singt Jуnsi mit sich selbst im luftigen Chor, Oboen und Piccolo-Flöten klingen wie ein kleiner Raubzug durch Tschaikowskys „Nussknacker“-Suite. Die orchestralen Arrangements, die Jуnsi wie eine fließende Königsrobe umgeben, stammen von Klassik-Hipster Nico Muhly, um den sich sonst Leute wie Grizzly Bear, Antony & The Johnsons oder Björk reißen. Kombiniert mit Kosminens dynamischer, warmer Percussion mutet „Go“ genauso an wie sein Titel: als Aufbruch im Überschwang. Dazu passt es auch, dass Jуnsi kaum je isländisch singt, gar nicht auf „Hopelandic“ – der lautmalerischen Fantasie-Sprache seiner Band. Meist auf Englisch sinniert er stattdessen über den Zauber der Jugend und die Sehnsucht danach, im Zustand von Unschuld und Schönheit zu verweilen. „Boy Lilikol“ heißt ein Schlüsselsong, den der schwule Songwriter mit fast ähnlichem „gay pride“-Gestus vorbringt wie ein Rufus Wainwright.

JуnsiEs sind persönliche Themen, für die Jуnsi offenbar erst zum Solisten werden musste, um sie nun mit großer Spiellaune zu inszenieren. „Ich liebe im Grunde alles daran, schwul zu sein“, erzählte er kürzlich einem britischen Gay-Magazin. „Ehrlich gesagt mag ich sogar diese komplett überzogene Art, wie manche schwule Männer ihre weibliche Seite inszenieren! Es mag stereotyp sein, doch oft finde ich genau das sehr witzig.“ So kommt es, dass man hinter all den festlichen Marschtrommeln, den zarten Jungs-Fantasien in Jуnsis Texten und den großen Popharmonien ein kleines Augenzwinkern vernimmt. Der Weg zur ernsten Innerlichkeit von Sigur Rуs ist von hier aus denkbar weit; dabei stammen viele Songs doch aus den Jahren mit den Leisetönern, landeten dort aber in der Schublade.
Wie es weitergehen wird mit Islands Millionensellern, darüber äußert sich Jуnsi wenig konkret. Von einer Schöpferpause ist die Rede, die Bandkollegen betätigen sich derzeit vor allem als junge Familienväter. Den imposanten Freiflug ihres Frontmannes dürften sie mit einem wehmütigen Blick beobachten.

 

Text: Ulrike Rechel

Foto: Lilja and Inga Birgisdottir

 

Jуnsi C-Halle, Sa 5.6., 20 Uhr, VVK: 32,10 Euro. Tickets gibt es hier

Ein Beitrag zu Sigur Rуs

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