Konzerte & Party

Josй Gonzalйz im Tempodrom

Josй Gonzalйz

Inmitten einer Schar hipper Mitarbeiter seines Kreuzberger Promotion-Büros könnte Josй Gonzalйz glatt untergehen, so dezent wirkt der Mann mit dem weißen Hemd und dem schwarzen Lockenkopf. Während es um ihn herum zugeht wie im Taubenschlag – der Songwriter hat soeben ein Radiokonzert über den Dächern von Berlin gespielt – wirkt der 36-Jährige erstaunlich tiefenentspannt. Dabei lebt er zurzeit nach den Vorgaben eines hart getakteten Terminkalenders. „Etwas weniger wäre ganz gut“, sagt er freundlich.
Am Folgetag steht der nächste Auftritt in Schweden an, als Haupt-Act auf einem Benefizkonzert für Flüchtlinge in seiner Heimatstadt Göteborg. Das Thema liegt dem Sohn eines argentinischen Paares, das in den späten Siebzigern selber vor einer Diktatur auf der Flucht war, am Herzen. Selbst ist Gonzбlez auch engagiert, wenn es um spontane Hilfskationen geht, er beteiligte sich zuletzt bei einer Reihe von Charity-Aktionen. „Es wird schon viel getan in der Bevölkerung, auch in meinem Freundeskreis. Seit dem Sommer ist viel in Bewegung gekommen, und das hat sicher auch mit den Fotos aus Griechenland von ertrunkenen Flüchtlingen zu tun“, sagt er. „Das hat viele Menschen emotional erreicht, vorher hörten sie lange Zeit nur Zahlen oder Nachrichten über den IS. Die Bilder haben viele wach gerüttelt. Plötzlich war klar: Scheiße, das passiert jetzt, wir müssen jetzt etwas tun.“ Auf seinem aktuellen Album „Vestiges & Claws“ schlägt der Mann, der so zurückgenommen und warm klingt wie ein Seelenverwandter des 70er-Folkbarden Nick Drake, entsprechend nachdenkliche Töne an. Hinter meditativen Melodien verbergen sich universell formulierte Fragen nach Machtverhältnissen, danach, wie man seine Stimme erheben kann oder über den Platz, den man in diesem Leben einnehmen will.
Jose GonzalezInspiriert haben den Leisetöner schon immer politische Songwriter, darunter auch Punk-Ausleger wie Zac de la Rocha von Rage Against The Machine. Das Online-Magazin Pitchfork hat für Gonzбlez‘ dezenten Folk und die unterschwellige Gesellschaftskritik mancher Songs ?unlängst den Begriff „post-anger“ gefunden – die Ruhe nach dem Aufschrei.
Bei aller Sympathie für linken Aktivismus haben ihn musikalisch aber vor allem „leise Sänger“ geprägt: Männer wie Joгo Gilberto oder Chet Baker, die sich bewusst beschränkten und deren Stimmen nah am Mikrofon zu hören sind. „In ihrer bewussten schmalen Spanne steckt eine großartige Dynamik, die mich immer fasziniert hat“, erzählt er. Selbst hat sich der studierte Biochemiker – ob allein oder mit seiner wiederbelebten Psych-Folkrock-Band aus Studententagen Junip – längst zum Spezialisten für feine dynamische Schattierungen entwickelt. Seit seinem Solodebüt von 2003, „Veneers“, führt der Weg folglich konstant nach oben.
Hinter seinen federleichten Folksongs steckt aber stets langwierige, oft frustrierende Arbeit. „Am Anfang fiel es mir sehr schwer, die Aufmerksamkeit der Leute zu gewinnen und die Dynamik des Feinen auch live zu übertragen“, sagt er. „Es ist bis heute nicht selbstverständlich, dass der Funke überspringt. Aber wenn es funktioniert, fühlt es sich sehr stark an.“ Während des Songschreibens – in zwölf Jahren hat Gonzбlez gerade mal vier Soloalben veröffentlicht – gibt es denn auch regelmäßig Momente des Selbstzweifels. „Dann denke ich: Moment, ist das gerade extrem langweilig oder ’nur langweilig‘?!“, gesteht er lachend. „Manchmal klickt es wohl auch beim Zuhörer erst nach vielen Wiederholungen. Aber ‚in-your-face‘-Musik wollte ich ja auch nie machen.“

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Malin Johansson

Josй Gonzalйz, Tempodrom, Möckernstr. 10, Kreuzberg, Di 3.11., 20 Uhr, ?VVK: ab 33 Euro zzgl. Gebühr

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