Konzerte & Party

Jubiläum: 20 Jahre Tresor Records

Tresor

Alles begann 1990, im Stau: „Die Mauer war gerade gefallen, die halbe Stadt stand leer und wir suchten verzweifelt nach einer neuen Club-Location“, sagt Dimitri Hegemann (Foto unten), einer der Gründer des Tresors mit der beruhigenden Stimme eines Geschichtenerzählers. „Es war einer dieser klassischen Zufälle. Auf der Leipziger Straße steckten wir fest und plötzlich sahen wir dieses Gebäude.“ Mitten im Grenzgebiet habe eine Baracke gestanden, ein Überbleibsel des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses, das von einem riesigen Tunnelnetz unterkellert war. „Teile des dunklen Gängesystems waren rund ein halbes Jahrhundert von niemandem mehr betreten worden“, sagt er. In einem zugemauerten Raum des Kellerkomplexes machten Hegemann und seine Freunde Johnnie Stieler und Achim Kohlberger einen unheimlichen Fund: „Dort, zwischen Staub und Schutt lag noch eine alte Reichskriegsflagge.“ Wenige Monate später, im März 1991, wummerten harte Technobeats durch die Katakomben, der Schweiß der Tanzenden tropfte von der Decke. Die Ära Techno hatte begonnen und entwickelte sich in Berlin zu einer Massenbewegung, deren Ursprung zum Großteil im Tresor liegt. Untrennbar mit der Geschichte des Clubs verbunden ist die des Labels „Tresor Records“, das im Oktober 1991 gegründet wurde. „DJs, die im Club auflegten, gaben uns ihre Musik und die veröffentlichten wir dann auf unserem Label“, sagt Hegemann. Nur durch einen Zufall kam er damals mit Detroit Techno in Berührung. Als er zu Besuch bei dem Chicagoer Label Wax Trax war, hatte er in einem Stapel mit Ausschussware die Platte einer Band namens Final Cut entdeckt. „Ich war sofort begeistert von ihrer Musik“, sagt er.
Dimitri HegemannAuf der Platte stand eine Detroiter Telefonnummer. Hegemann rief an, lizenzierte die Platte und lernte so das Bandmitglied Jeff Mills kennen. Das war 1987. „Mich faszinierte schon damals an Techno aus Detroit, dass diese Musik gut an industriellen Orten funktioniert und Stimmungen freisetzt, die deinen Körper automatisch in Bewegung bringen.“ Er habe damals gespürt, dass sich die Musik in einer Phase des Umbruchs befand. „Plötzlich tanzten die Leute wieder, während sie in den Jahren davor wie gebannt auf die Künstler auf der Bühne starrten.“ 1991 erschien mit „Sonic Destroyer“ von X101 die erste Platte auf Tresor Records, ein apokalyptisches Technostück, programmiert von Jeff Mills, Mike Banks und Robert Hood. „Die Platte war ein Clubhit und sollte die Marke Tresor weltweit bekannt machen.“ Es folgten rund 15 Jahre, in denen es Label und Club gut ging – auf Tresor Records sind bis heute 249 Platten erschienen. Nach der Jahrtausendwende hatte sich die Leipziger Straße langsam vom Niemandsland zum Aushängeschild eines neuen, prosperierenden Berlins gewandelt. Das heruntergekommene Gebäude des Tresor wirkte hier plötzlich fehl am Platz. 2005 musste der Club schließen, ein Investor hatte das Grundstück gekauft und ließ Bürogebäude errichten. In den folgenden zwei Jahren hatte der Tresor keine feste Location, auch das Label litt darunter und musste außerdem durch den Untergang verschiedener Vertriebe herbe Verluste hinnehmen. 2007 schließlich zog der Club in das ehemalige Vattenfall-Kraftwerk in der Köpenicker Straße. 2011 gab es einen Neustart des Labels. „Ein junges Team kümmert sich jetzt um Tresor Records“, sagt Hegemann. Chefmanager ist nun der aus Mexiko stammende, 24-jährige Paulo Reachi. „Wir wollen nach wie vor den Detroit-typischen Sound auf dem Label haben, also gefühlvolle Musik, die eine Geschichte erzählt“, sagt er. Natürlich würden durch die Internetkonkurrenz bedingt keine riesigen Stückzahlen mehr wie in den Neunzigern produziert. „Unsere Auflage liegt jetzt bei rund 800 pro Release, aber das stört uns nicht.“ Hegemann hat sich mittlerweile aus dem Labelgeschäft zurückgezogen. Er konzentriert sich darauf, einen Teil des Kraftwerks als Ausstellungs- und Konzertraum auszubauen. Die Plattenverkäufe hätten heute sowieso eine andere Funktion als damals: „Tresor Records ist vor allem ein Promotool für die Marke Tresor, denn Vinyl kaufen leider nur noch Liebhaber und Sammler.“

Foto Dimitri Hegemann: Harry Schnitger/tip

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