Konzerte & Party

Judith Holofernes im Astra Kulturhaus

Judith Holofernes

tip Wann war eigentlich absehbar, dass es mit eurer Band nicht mehr weitergehen kann?
Judith Holofernes Die letzte Helden-Platte war ja sehr dunkel. Da hatte ich mein Herz schon nach außen gestülpt, so sehr, dass sich die Leute von der Plattenfirma nach dem ersten Vorspielen umdrehten und fragten: „Geht es dir gut, Judith?“

tip Musik machen, Kinder und dann noch Aushängeschild sein – dein Mann, der Schlagzeuger Pola Roy, wird den Rückzug verstanden haben, aber auch der Rest der Band?
Judith Holofernes Die anderen beiden sind jetzt nicht aus allen Wolken gefallen, weil, die waren ja immer dabei. Die haben auch gesehen, wie es mir damit geht. Und nicht nur mit den Kindern, was einfach so offenkundig schwierig war. Die haben auch gesehen, dass manche Aspekte dieses Erfolgs mir nicht gefallen. Ich bin ja total treu und loyal. Wäre es anders, hätten wir vielleicht schon fünf Jahre früher aufgehört. Aber auch als Fan bin ich niemand, der einen eigenen Wert darin sieht, wenn eine Band für immer zusammenbleibt.

tip Zuletzt hattet ihr betont, wie sehr ihr wieder Spaß an der Musik gefunden habt – was folgern ließ, dass er eine Zeit lang weg war.  
Judith Holofernes Der Spaß war schon noch da, aber der Spaß an der Musik bekommt ein kleines Gehege und darf bloß nicht zu viel Platz einnehmen. Der Aspekt des wirklichen Machens, des Schreibens und Spielens kriegt soo wenig Platz. Und das gefällt mir nicht als Lebensführung. Ich will immer schreiben und immer Musik machen. Meine letzten drei Jahre waren jetzt so und ich hoffe sehr, dass ich das aufrechterhalten kann.

Judith Holofernestip Deine Single „Liebe Teil 2 – Jetzt erst recht“ handelt von einer Beziehung unter Eltern. Da kannst du als Sängerin, die mit gleich zwei Kindern im Gepäck auf Tournee gegangen ist, natürlich ein Lied von singen …
Judith Holofernes Oh ja. Jeder hat sehen können, dass die Belastung enorm war. Aber dann schwingt da auch gerne mit, dass du irgendwie spießiger geworden sein sollst. Wo ich denke: Wer es schafft, mit Kindern spießiger zu werden, der hat’s echt gewollt. Kinder sind Anarchisten! Es ist eigentlich nichts spießig, ruhig, gesittet oder gesetzt daran, mit kleinen Kindern zusammenzuleben. Sondern das ist eigentlich näher dran an Rock’n’Roll als alles, was ich vorher gemacht habe.

tip Zuletzt hast du drei Jahre lang die große Öffentlichkeit bewusst gemieden. Kanalisierst du jetzt, was du preisgeben willst?
Judith Holofernes Ich lass das eher auf mich zukommen und fühle mich nicht mehr so gefangen in meinen eigenen Klischees. Da habe ich viel gekämpft und gelitten, als es mit den Helden endete.

tip Haben sich denn diese Kämpfe gelohnt?
Judith Holofernes Jetzt, wo irgendwas wieder losgeht, habe ich schon das Gefühl, dass das geklappt hat. Es gibt ja eine Rückkopplung über Interviews oder Internetforen, und ich habe das Gefühl, es geht mich weniger an, was da steht. Weil ich eben mal zurücktreten konnte, an alles ein bisschen leichter rangehe.

tip Als du vor vier Jahren eine Anfrage der „Bild“ abgelehnt hast, die mit dir Werbung machen wollte, klang das noch sehr rigide.
Judith Holofernes Das war eine schnelle Eingebung, denen eine Entgegnung zu schreiben. Ich hab das einfach rausgehauen und dann „Send“ gedrückt. Ein leichtes Schwert.

tip Deine Reaktion fand ich damals sehr gut. Sie war aufrichtig.
Judith Holofernes Ich bin aber kein Mensch, der genießt, was danach an Meinungshickhack kommt, ich genieße es nur total, aus dem Bauch raus zu reagieren und zu benennen, wie ich fühle. Das finde ich richtig für mein Leben. Auch von meinem ganzen Musikgeschmack oder auch, wie ich Kunst wahrnehme: Ich mag Sachen, die etwas Unmittelbares haben, ’ne Band wie Radiohead, die kann ich total schätzen, aber ganz tief im Herzen geht es mir am Arsch vorbei. Weil es mir zu elaboriert ist. Die Sachen, die mich gekriegt haben, sind immer schön aus der Hüfte geschossen.

tip Das ist dir mit „Ein leichtes Schwert“ auch selbst gelungen. Wie bist du eigentlich zum Zydeco gekommen, der deiner Platte das besondere Temperament gibt?
Judith Holofernes Das ist eine ganz alte Liebe von mir. Ich habe mit zehn von meiner Mutter die „Graceland“ von Paul Simon geschenkt bekommen. Das war eine meiner ersten großen und wichtigen Platten. Mein Lieblingslied darauf war „That Was Your Mother“, diese gut aufgelegte Zydeco-Nummer. Aber auch die afrikanische Seite hat meinen Musikgeschmack sehr geprägt. Weltmusik ist ein beschissenes Wort, aber sagen wir mal: Ich habe viel internationale Groove-Musik gehört.

Foto oben: Julia Gajewski

Foto unten: Melissa Jundt

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