Konzerte & Party

Julia Stone im Postbahnhof

Julia Stone

Julia Stone ist eine charismatische Erscheinung: eine Elfe, die Trompete spielt; ein Blumenkind wie aus einem mythischen goldenen Westen, auf der Bühne oft mit ulkigem Humor. Seit dem gefeierten Debütalbum mit ihrem Bruder Angus im Jahr 2007 kennt sie es nicht anders, als dass ihr Zuhörer weltweit erliegen.
Nur einer hat eine eher alltägliche Sicht auf die Folk-Sirene mit dem süßen Sopran: Angus, mit dem Julia das Aufwachsen in einem Musiker-Elternhaus nahe Sydney teilt – samt deren eigenem Live-Repertoire als Folk-Duo. In ihrer schnell angerollten Karriere ergab sich rasch das hübsche Bild des ungleichen Doppels: sie wortgewandt und unterhaltsam; er hingegen ein großer Schweiger hinter üppiger Gesichtsbehaarung – musikalisch dafür erstaunlich vielfältig, mal aus rauer Kehle singend, mal schwebend sanft. Als der 26-Jährige kürzlich in Berlin sein Soloalbum „Broken Brights“ vorstellte, flachste er über die nicht anwesende „große Schwester“: „Normalerweise würde meine Schwester jetzt das Reden übernehmen und ich hinten mein Bier trinken“.
Julia sang zum gleichen Zeitpunkt auf einer Bühne in Paris. Auch sie stellt ihr Soloalbum vor, „By The Horns“; auch sie wird Bemerkungen gemacht haben zur aus Fan-Perspektive offenkundig fehlenden Person. Beide Platten treten nun die Nachfolge an von „Down The Way“, dem großen gemeinsamen Wurf von 2010: ein Album voller golden getönter Folk-Pop-Ohrwürmer, selig verbandelter Vokalharmonien und großer Trennungsmelancholie. International festigte sich damit der Ruf der Stones als stilgewisse, wundersam unangestrengte Songschreiber-Einheit.
Weite Teile der Songs für ein Nachfolger-Werk seien seither entstanden, hieß es. Doch es kam anders. Die beiden brachen die Arbeiten ab und zogen Solopfade vor. Zu viel Tour-Frust hatte sich offenbar angesammelt, so wie schon einmal, nach der immensen Welttournee zum Debüt „A Book Like This“. Einer Zeit, in der die Band fast täglich auf Bühnen kletterte. Schweigende Busfahrten, Herumsitzen in Flughäfen, jeweils mit Kopfhörern auf den Ohren, prägten die zunehmend schale Atmosphäre. „Wir waren unglücklich geworden“, erzählte Julia kürzlich. Und wieder hatte der Familien-Radar die Störungen übertragen, ehe es zum Zerwürfnis kam.
In ihren Solosongs genießt es die 28-Jährige offenbar, andere Gefühlslagen, intimere Themen und neue Klänge auszuprobieren. Kaum je weht der rote Staub der Landstraße durch ihre Takte, kein Roadblues а la Neil Young klingt an. Nächtliche Dreampop-Stimmung prägt die Songs, die in New York entstanden sind, einer Art Seelenheimat für die Sängerin. In einigen Songs trommelt Bryan Devendorf von The National; von den verehrten Pop-Melancholikern stammt auch die Nummer „Bloodbuzz Ohio“, die Stone als leisen Folk-Noir inszeniert. In der beschwingten Ballade „Justine“ mischt sich ein überraschend cooler Ton in Julias Sterntaler-Sopran: „I’ve learned my lesson. Nobody is to blame. Except for you.“, lautet ihre Ansage an einen Ex-Lover.
Im Vergleich zum sonnendurchdrungenen gemeinsamen Sound mit Angus fühlt sich Julias Großstadt-Album in etwa so an wie eine durchwachte, einsame Hotelnacht nach einer umjubelten Show. Eines Tages wird sich das Nestwärme-Bedürfnis bei ihr wohl wieder regen, ahnt man. Die Geschwister telefonierten derzeit oft, um sich über die jeweiligen Solo-Herausforderungen auszutauschen, sagt sie. Gerade jetzt aber ist offenbar die richtige Zeit für den Beweis, dass es auch bestens allein funktioniert.

Text: Ulrike Rechel

Julia Stone, Postbahnhof, Do 25.10., 21 Uhr, VVK: 22 Euro zzgl. Gebühr

Lesen Sie hier die Konzertkritik: Wie war es bei Angus Stone?

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