Konzerte & Party

Junge Israelis erobern das Berliner Nachtleben

Yoni Tape Club„Warum nicht?“, war seine lapidare Antwort. „Schweine sind doch niedliche Tiere.“ Aviv provoziert gerne und nimmt in Kauf, dass er damit aneckt. Viele aber mögen seine unorthodoxen Methoden, zum Beispiel sein Freund Wolfgang, der an der Kasse sitzt und ein Kettchen mit Davidstern trägt, dazu ein Shirt mit hebräischer Schrift. In Avivs deutscher Mischpoke ist die Begeisterung für das Judentum groß. „Es ist erstaunlich, wie viele von ihnen plötzlich jüdische Vorfahren haben“, erzählt Aviv und rückt sich die Hasenohren zurecht. „Selbst der Hund ist auf einmal jüdisch.“
Unterdessen lümmelt Avivs blonder Geschäftspartner Thomas Götz von Aust auf dem Sofa und beobachtet das Treiben auf dem Dancefloor. Thomas erzählt, dass sein Großvater ein hochrangiger Nazi-Offizier war. „Für mich ist das eine Anekdote, mehr nicht“, sagt er. Aviv hat mit der Familiengeschichte seines Partners kein Problem. Gemeinsam organisieren die beiden die Partyreihe „Cityboy„. Ende Juli ging es los: Die erste „Cityboy“-Nacht stieg im Loreley-Club, wo sie inzwischen monatlich stattfindet. Sie war proppenvoll mit Jungs, die genauso gut aussehen wie die Models auf den Polaroids, die Aviv als Flyer verteilt: hip, jung und schwul. Genau wie er.
In Berlin gibt es viele Facetten des jüdischen Lebens. Viele Juden, die hier geboren oder zugezogen sind, engagieren sich in der Jüdischen Gemeinde. Manche sind religiös und beachten die Gebote. Andere gehen locker mit ihrer Religion um, bekennen sich aber zu ihrer jüdischen Tradition. Aviv hat mit all dem wenig am Hut. Er bildet lieber seinen eigenen Bezugskreis, in dem Herkunft und Vergangenheit egal sind.
Bei Jonathan Margulies verhält es sich ähnlich: Der 31-Jährige wurde ebenfalls in Israel geboren. Mit 13 zog er mit seiner Familie nach New York. Heute lebt der schlaksige junge Mann mit den kurzen Locken in Berlin. Seit zwei Jahren betreibt er zusammen mit seinem Partner Thomas Schwenk den Tape-Club. Es ist Samstagnacht, und die „Pag“-Party – der Berliner Ableger eines der erfolgreichsten Gay-Abende in Israel – ist in vollem Gange: Schwule Männer, denen das GMF zu jung und das Berghain zu heftig ist, tanzen in Designerjeans und bunten Tops zu den elektrisierenden Discobeats von DJ Appleberg, der für diesen Abend aus Tel Aviv eingeflogen wurde. Ein Typ im Hasen­kostüm springt durch die Menge. Jonathan steht an der Bar und nimmt einen kräftigen Schluck aus seiner Bio-Limo. Dann erzählt er von den Kreuzberger Krawallen am 1. Mai vor fünf Jahren, sein ers­tes Berlin-Erlebnis kurz nach seiner Landung. „Die Tage darauf war ich die ganze Zeit nur unterwegs: im Club der Visionäre, im Sommerlager des WMF – das volle Programm“, erinnert er sich. „Dieses Gefühl von Freiheit kannte ich weder aus Israel noch aus New York.“ Vier Monate später zog er in die deutsche Hauptstadt. Für seine Familie war das kein Problem, trotz seiner polnischen Großmutter, die Auschwitz überlebte. „Wir sind die dritte Generation und haben keine Verbindung mehr zu dem Ganzen“, sagt Jonathan, ohne mit der Wimper zu zucken. Trotz der schreck­lichen Erfahrungen der Großmutter sei Berlin auch die Lieblingsstadt seines Vaters. „Er ist jedes Mal gerührt, wenn ich mit ihm durch die Stadt laufe.“
Stundenlang kann Yoni (Foto oben), wie ihn seine Freunde nennen, mit dem Rad auf Entdeckungsreisen durch Berlin gehen. So hat er auch das alte Papierlager auf einer Industriebrache hinterm Hauptbahnhof gefunden. Jonathan, der vorher in einer New Yorker Werbeagentur gearbeitet hat und Teilhaber eines 24-Stunden-Restaurants war, wollte schon immer einen Club eröffnen. Wenn schon nicht in New York, dann eben hier in der Heidestraße. „Ich hatte das Gefühl, dass das Berliner Nachtleben ein bisschen mehr Soul vertragen könnte“, sagt er und holt sich die nächste Bio-Limo aus dem Kühlschrank an der Bar.
Mittlerweile steht der Tape-Club in jedem Reiseführer, und das nicht nur wegen der ausgelassenen Partys und ihrem anspruchsvollen Musikprogramm zwi­schen Chicago House und Neo-Disco, sondern auch wegen der Ausstellungsreihe „Tape Modern“, die gerade zum elften Mal stattfand.
Gabriel TichauerEin Veteran im Berliner Nachtleben ist Gabriel Tichauer (rechts), der seit Mitte der 90er Jahre Clubabende veranstaltet und zu den umtriebigsten Partymachern der Stadt gehört. Geboren in Westberlin als Sohn eines Israelis und einer argentinischen Jüdin, war er bis zu seinem
18. Lebensjahr in der Jüdischen Gemeinde aktiv. Beide Großelternpaare stammen aus Deutschland. „In der Szene weiß fast jeder, dass ich Jude bin“, sagt er. „Das wird aber nicht groß thematisiert.“ Es ist Samstagnacht und Gabriel steht am DJ-Pult im Tube-Station-Club. Im bunten Discolicht sieht man ihm nicht an, dass er schon 36 ist. Sein Kleidungsstil unterscheidet sich kaum von dem der Youngsters, die zu Hip­Hop-Platten aus den 90ern abfeiern, die Gabriel auflegt. Er trägt knallbunte Sneakers und eine Kapuzenjacke mit Graffiti-Muster, als ob er frisch aus der Bronx käme. Darunter ein Shirt mit der Aufschrift „Love Isreal„, das er stolz der tanzenden Menge präsentiert. An der Bar stehen Jungs mit weiten Hosen und Baseballmützen neben Mädchen, die aussehen, als würden sie sich für ein Modelcasting anstellen. Neben stadtbekannten Eventreihen wie „Candy“ oder „liveDEMO“ veran­staltet Gabriel zusammen mit dem Italiener Giampiero Termini einmal im Monat eine Party unter dem Motto „HipHop Don’t Stop„, auf der nicht nur HipHop, sondern auch Funk, Salsa und Reggae läuft.


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