Konzerte & Party

Justice in der Columbiahalle

Justice

Jeder, der diese Zeilen liest, kennt das Spiel. Das musikologische Abchecken. Wir wissen Bescheid, können „gut“ und „schlecht“ sortieren und grätschen gemeinsam zwischen den Inseln der hippen Distinktion. Mit der dann einsetzenden Langeweile kommt er unvermeidlich: der inquisitorische Wunsch, heimliche Abgründe freizulegen. Take That, Britney Spears, Coldplay. Pathos, Stadion- und Kuschelrock, Fetenhits und Esoterik. Stumpf ist Trumpf.
Imaginieren wir ein solch schrecklich-schönes Sortiment als überdekorierte katholische Kanzel, dann ist das 2007 erschienene Debut des französischen Elektro-Duos Jus­tice das darüber leuchtende Kreuz. Mit ihrem „schwarzen Album“ schufen Gaspard Augй und Xavier de Rosnay eine einzigartige Katharsis der grenzwertigsten Momente jüngerer Pop-Geschichte. Ein Destillat der simpelsten und effektivsten Momente von Love Parade und Tangerine Dream, AC/DC, Metallica, La Boum und Rondo Veneziano, verdichtet zur Rave-Ekstase, die zwar weniger genuin schöpferisch als ihre direkten Vorläufer Daft Punk oder deren britische Punk-Pendants Prodigy daherkam, dabei aber nochmals hypo-sensibilisierender und effektiver die Geister der pompösen Vergangenheit beschwor – und austrieb. Eine ebenso größenwahnsinnig-kitschige wie geniale Sound&Harmonie-Kompression, wie sie zeitgemäßer nicht sein konnte. Vor allem, da die beiden unwirklich designt daherkommenden Fashion-Victims den Irrsinn auch live umsetzen konnten, bestens nachzuvollziehen in der ihrer Live-CD beigelegten Dokumentation von Romain Costa-Gavras, der ihre zweiwöchige US-Tour begleitete. Hier sieht man, wie sich tausendköpfige Hallen der donnernden Botschaft aus Marshall-Türmen und leuchtendem Kreuz kollektiv ergeben, während Gaspard und Xavier ebenso abgestumpft wie getrieben auf der Suche nach dem Gott des Rock’n’Roll alles mitnehmen, was unsere Großeltern nicht erfahren sollten. Steigerung? Kaum vorstellbar.
JusticeEntsprechend schien es durch fast drei Jahre relativer Ruhe, als wäre wirklich alles gesagt. Ginge es nach einem Großteil krittelnder Musikjournalisten, wäre es auch besser so. Denn mit ihrem Ende letzten Jahres veröffentlichten ebenso titellosen Zweitling treiben Justice das gefährliche Spiel mit der geschmacklichen Schmerzgrenze nochmals weiter. Verglichen mit dem Erstling erscheint „Justice II“ wie eine Schwiegersohn-Ausgabe: deutlich gemächlicher und kuschelrockiger, weniger Verzerrung, mehr Melodie, Glamrock statt Heavy Metal, ein deutlich gemächlicheres Tempo, Uhuus, Ahaas, Piano-Akkorde und Cembalo-Klänge, dazu saubere College-Gesänge. Im schlimmsten Fall las man von Boston, Toto und Supertramp, im Besten von Led Zeppelin. Mir erscheint von allen musikologischen Histogrammen Van Halen der passende Verweis, ohne dass ich zu sagen wüsste, wie die zweite Van-Halen-Platte eigentlich ist. Sicher ist nur – „Eruption“ ist auf der ersten. Im elektronischen Hier und Heute war Justice’ Debüt in seiner Gänze „Eruption“. Jetzt wird durchdekliniert. Wobei das signifikante Brückenstück „Planisphere“ meist vergessen wird. Eine Auftragsarbeit für Dior Hommes 2009er Modenschau, die als vierteilige Mini-Oper ein gutes Jahr lang frei im Netz kursierte, jetzt aber nur mit der bezahlten iTunes-Version des neuen Albums verfügbar ist. In diesem endlosen Stück offenbart sich die Qualität der Franzosen in voller Gänze. Ihr akustisches Markenzeichen, die elektronischen Sägezahnkurven, haben sie derart perfektioniert, dass sie damit auch ohne den jetzt  hinzugesampelten Bonus „echter“ Gitarren schon die gesamte Rock?&?Metal-Geschichte nachzeichnen können. Dazu zeigt „Plani­sphere“ die Meisterschaft im Entwerfen von Songformaten, die weit über den rein tanz­orientierten „Track“ hinausgehen. Mit wenig mehr als einem Akkord, Killer-Basslauf, wuchtigem Stampfbeat und ihrer Effektbatterie schaffen sie 17 Minuten Spiel, Spaß und Spannung, die selbst beim häuslichen Sofarocken ohne Langeweile verstreichen. Sicher: Eine mittendrin eingestreute zuckersüße Prise Extra-Melodie gehört auch dazu – jenes kitschige Moment, das dazu führt, dass man trotz aller dreckigen Wucht seine rockistische Begeisterung mit pubertierenden Mädchen teilt. Damit ist „Planisphere“ eine Brücke zwischen Rave und Kuschelrock, ohne die das neue Album wie Led Zeppelins Vierte ohne „Stairway to Heaven“ oder Queens ­“A Night at the Opera“ ohne „Bohemian Rhapsody“ daherkommt.
Was das nun alles für die Live-Show bedeutet? Nun, Justice spielen nochmals subtiler und sardonischer mit dem Feuer. Dass sie ihr Repertoire um pärchengroovende Feuerzeug-Momente erweitert haben, bedeutet nichts anderes, als dass diese Flämmchen sich im jederzeit möglichen Gewitter auch im großflächigen Kleiderbrand entzünden können. Kreischende Teenies, Kuttenrocker, Nerds, Pärchen, Partypeople … Stumpf ist Trumpf. Ich freu mich drauf.

Text: Holger in’t Veld

Foto oben: Paul Heartfield

Foto unten: Perou

Justice, Columbiahalle, Mi 22.2., 21 Uhr, VVK: 25 Euro

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