Konzerte & Party

Kamasi Washington im Yaam

Kamasi Washington

Dabei macht der Saxofonist mit dem wuchtigen Ton nichts anderes als andere Jazz-Musiker auch. Er greift die Tradition seit 1965 auf und übersetzt sie in die Gegenwart. Pioniere des Free Jazz wie John und Alice Coltrane, Pharoah Sanders, Archie Shepp oder Sun Ra hallen in seiner Musik ebenso nach wie die Altvorderen des Funk, allen voran Sly & The Family Stone, Parliament und  Funkadelic, bis hin zu aktuellen Vertretern der Liäson von Jazz und schwarzer Pop-Kultur wie Produzent Flying Lotus, Pianist Robert Glasper oder Rapper Kendrick Lamar. Die Ansprache des kalifornischen Saxofon-Koloss ist universal, um nicht zu sagen kosmisch, und das nicht nur im Hinblick auf seinen Zugang zum Jazz-Fundus, sondern auch klanglich. Aber wo liegt dann das Problem? Den Ikonen des Jazz erweist er allemal Respekt. Bisherige Amalgame von Jazz und HipHop, Drum’n’Bass oder Techno, die sich viel weiter aus dem Kanon herausgelehnt hatten, gerieten schließlich auch nicht unter Hype-Verdacht. Bei dem Kalifornier kommen jedoch einige Aspekte zusammen, die ihn tatsächlich vom Gros seiner Kollegen unterscheiden und die Hüter des Reinheitsgebotes im Jazz das Fürchten lehren.
Kamasi WashingtonEr hält sich nicht an die Regeln. Wozu auch, aus Los Angeles kommend, werde er von der Jazz-Presse in New York sowieso übersehen, sagt er. Er umgeht den üblichen Weg, auf dem ein Jazzmusiker sich seit prähistorischen Zeiten sein Publikum erspielt. Washington hat sich nicht als demütiger Eleve an der Seite gestandener Größen beim angeblich erfahrenen und urteilssicheren Publikum angedient, ist nicht als gepriesener Sideman über die einschlägigen Festivals gereist und hat auf keinem Jazz-Label angedockt. Genau genommen hat der heute 34-Jährige als junger Musiker sogar bei McCoy Tyner und George Duke gespielt, aber da ist er eben noch niemandem aufgefallen. Die große Bühne hat er stattdessen auf Produktionen von Flying Lotus und Kendrick Lamar betreten.
Der Mann mit der Hendrix-Frisur und dem Kaftan wendet sich nicht direkt an die kollektiv alternde Jazz-Gemeinde, die sich als Kreis von Eingeweihten, der auf einen gemeinsamen Erinnerungshintergrund zurückgreift, versteht. Er spricht mit seinen kühnen erzählerischen Bögen ein junges spartenbefreites Publikum an, dem Kategorisierungen jeder Art völlig wurst sind. Hauptsache, es ist spannend.
Die Folge dieser bewussten Entscheidung ist noch ein weiterer Tabubruch. Das Evangelium des Jazz ist so sakrosankt wie die Bibel. Auf seinem über dreistündigen Epos „The Epic“, verpackt in einem spektakulären Dreifach-Album, erzählt Washington die Jazzgeschichte aber völlig neu. „Niemand hat Coltrane je verstanden, außer Coltrane selbst“, stichelt er auf Pitchfork. Seine Evolution vollzieht sich nicht vom schwarzen Volkslied zur kompletten Abstraktion, sondern setzt umgekehrt bei der totalen Befreiung а la Coltrane an, um sich Schritt für Schritt in Richtung R&B und HipHop vorzutasten. Das ist gegen alle Naturgesetze des Jazz, der die unumkehrbare Entwicklung vom Niederen zum vermeintlich Höheren vorgibt.
Mit seinem Bassisten Thundercat, einer virulenten Mischung aus Bootsy Collins und Jaco Pastorius, und einem ganzen Pulk von Mitstreitern aus dem Pool um Kendrick Lamar entfacht Kamasi Washington ein Feuerwerk an Klängen, Bildern und Grooves. Es ist überhaupt nicht schwer, sich auf diese hypnotische Reise durch die Jahrzehnte einzulassen. Wer mit dem Saxofonisten in den Jazz-Bus steigen will, kann das getrost tun, denn dieser Trip beschreibt vom ersten bis zum letzten Ton nichts anderes als Jazz. Man kann aber ?auch tausend andere Begriffe dafür finden und es sogar völlig aus dem Jazz-Konzext ?lösen, denn dieser Exkurs ist frei von jedem didaktischen oder hermetischen Ansatz. ?Kamasi Washington holt den Jazz auf den Boden der Tatsachen zurück.

Text: Wolf Kampmann

Fotos: Mike Park

Kamasi Washington, Yaam, An der Schillingbrücke 4, Friedrichshain, So 22.11., 19 Uhr, ?ausverkauft
+ Emanative x ?Collocutor & special guest Earl Zinger live / Emanative DJ Set

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