Konzerte & Party

Keine Ultranormalschweizerin: Evelinn Trouble

Evelinn Trouble

Im Nachhinein ärgere ich mich sehr, dass ich nicht im Januar 2009 bei einem der drei Berliner Gigs von Evelinn Trouble war. Sie spielte damals im Knaack, im NBI und im Lido als Support von Super 700. Danach kam sie nie wieder nach Berlin, und ich kenne mein Objekt der Faszination folglich nur von Fotos. Gut sieht sie aus, trotzig. Trouble passt zu ihr und zu ihrer brachial-epischen Musik, die mit Loops und Orgel gespickt ist und durch ihre Stimme manchmal auch an PJ Harvey erinnert. Kennengelernt habe ich die Zürcherin erst 2011, als mir ein Promoter ihr drittes Album „Television Religion“ schickte. Weiße Tauben mit abgehackten Köpfen fliegen auf dem Backcover, der dritte Track „I’m On Fire“ ließ mich nie mehr los. Dass es nun eine neue Platte von Trouble gibt, musste ich schon selber herausfinden, in Deutschland kümmert sich keine Promotion- oder Plattenfirma um die Indiekünstlerin, die auch in der Schweiz ein Geheimtipp ist: „Ich denke, der Ultranormalschweizer kennt mich nicht“, sagt sie, als ich sie über Facebook zuerst befreunde und dann kontaktiere. „Aber der kennt auch nicht PJ Harvey.“ Anfang des Jahres machte sie die Musik für Stefan Puchers „Katze auf dem heißen Blechdach“ am Schauspielhaus Zürich, und ein weiteres Theaterprojekt mit Schorsch Kamerun am Neumarkt Theater steht an: „Damit komme ich ganz gut über die Runden, aber ich lebe auch nicht auf großem Fuß. Das mag ich so, und mit meinen Konzerten verdiene ich nicht wirklich viel“.
Evelinn Trouble hätte es verdient, genauso bekannt zu sein wie ihre ehemalige „Arbeitgeberin“ Sophie Hunger, die sie 2007 und 2008 als Backingsängerin begleitet hat: „Ich war damals 17 oder 18, kurz vor dem Abitur, und musste immer mal zum Rektor, um ihm zu versprechen, dass ich mir mehr Mühe geben würde, damit er mich auf Tour gehen ließ.“
„The Great Big Heavy“ heißt das neue Album von Trouble, das sie mit Gitarrist und Schlagzeuger auf einer 16-Spur-Bandmaschine analog aufgenommen hat. Ungeschnitten und live: „Das Konzept war, nichts überzuproduzieren. Wenn halt mal ein Ton danebenging, aber Mood und Aussage stimmten, dann war das egal.“ Für mich liegt da gar nichts daneben, das Album, das es nur als Download oder als Vinyl gibt, ist wie ein schöner Baumkuchen: vielschichtig, süß, überzogen mit Bitterschokolade, mit „China Made Love“ und „Vanish“ hat es zudem zwei Gemmen, die für die Ewigkeit taugen. Um meinen Fehler von 2009 auszumerzen, frage ich sie, ob es in näherer Zukunft auch mal einen Live-Termin für Berlin gibt? Trouble: „Sag das mal meinem Manager, der redet schon seit einem halben Jahr davon, in Berlin was klarzumachen für mich.“

Text: Anja Caspary

Foto: Reto Schmid

Evelinn Trouble: The Great Big Heavy

Downloads über Amazon & Co.

Vinyl zu bestellen über www.evelinntrouble.com

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