Gitarrenpop

Kettcar

Nach fünf Jahren spaltet die neue Platte von Kettcar die Kritiker

Foto: Andreas Hornoff

Bei wenigen Platten gingen dieses Jahr die Meinungen derart auseinander wie bei Kettcars erstes Album seit fünf Jahren. „Ich vs. Wir“ wurde gefeiert, bestaunt, belacht, in die Tonne getreten, gedisst. Alles dabei. Die Hamburger Mittvierziger um Marcus Wiebusch und Reimer Bustdorff breiten ihr erhebliches Sendungsbewusstsein auf autobahnbreiten Gitarrenteppichen aus. In Interviews klingt Wiebusch, der Gitarren-Hüne am Mikro, denn auch, als wollte er jedem in die Fresse hauen, der die erste Single des neuen Albums, die gleichnisheischende Flüchtlings-Shortstory „Sommer ’89 (Er schnitt Löcher in die Zaun)“, nicht auch für das größte Stück unter der Sonne hält. V

or allem in der ersten Plattenhälfte wird mit erprobten Songbausatz (man denke etwa an „Deiche“ vom zweiten Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“) und vergleichbaren Harmonien zur distinktiven Grummelstimmlage Wiebuschs drauflos geprügelt, was die Gitarren und Drums hergeben, zu irgendwie dann doch mitreißend populistischen Mitgröhl-Refrains über die verdammte Lage der Nation. Muss man halt mögen, diese Wucht, diese Wut. Viel eindrückliche sind Kettcar jenseits des Selbstvergewisserungshabitus. Die Kumpels in „Benzin und Kartoffelchips“, die einen von ihnen in den Knast verabschieden. Oder die Schicksalsgestalten auf Bussitzen in „Trostbrücke Süd“. Mit der Zeile des Albums: „Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser.“ Genau.

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