Konzerte & Party

Killing Joke

Killing Joketip: Es wird langsam zur Regel, dass Musiker Konzerte geben, auf denen sie wichtige Alben aus ihrer Vergangenheit in ihrer Gänze spielen. Warum dieser Anflug von Nostalgie?
Jaz Coleman: Für uns hat das nichts mit Nos-talgie zu tun. Wir betreten sogar in gewisser Weise Neuland. Es ist nämlich so, dass wir von unseren ersten beiden Alben bisher nur jeweils vier bis fünf Songs live gespielt haben. Die anderen gab es noch nie bei einem Konzert zu hören. Es ist ein echtes Experiment.

tip: Sie werden in Originalbesetzung auftreten, also mit Schlagzeuger Paul Ferguson, mit dem Sie die Band 1979 gegründet hatten. Acht Jahre später haben sie ihn gefeuert. Wie kam es zu seiner Rückkehr?
Coleman: Wir hatten nach ihm immer wieder mit großartigen Drummern zu tun, mit Martin Atkins oder Dave Grohl zum Beispiel. Es gibt aber keinen, der so hart, präzise und innovativ spielen kann wie Paul. Er gehört zur Besetzung, die ich immer als das mystische Line-Up von Killing Joke bezeichne. Es sind Leute, die zusammen für einen wahren Urknall gesorgt haben. Leider bedurfte es eines traurigen Anlasses, damit wir wieder zusammenkommen konnten. Wir sind uns letztes Jahr bei der Beerdigung unseres langjährigen Bassisten Lord Raven begegnet, verstanden uns prächtig, und danach verabredeten wir uns wieder.

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Sie und Ferguson hatten für Ihre gemeinsamen Schandtaten sogar ein Ziel formuliert. Es lautete: „Die vorzügliche Schönheit des atomaren Zeitalters in Stil, Klang und Form zu definieren.“ Die Zeiten haben sich verändert, was gilt davon noch?
Coleman: Einiges. Das Grundprinzip hat sich nicht geändert. Wir wollen die Krankheit der Welt in ihrem ganzen verheerenden Ausmaß auf die Bühne bringen. Songs wie „Tension“ oder „Madness“ werden immer zeitlos bleiben. Ich finde es aber kurios und auch erschreckend, wie viele Parallelen es zwischen der damaligen und heutigen Zeit gibt. Amerika hat die Option auf den nuklearen Erstschlag. Man muss da nicht paranoid werden, aber die Möglichkeit besteht, dass sie davon Gebrauch machen. Und sehen Sie sich Putin und seine Freunde an! Die Energiekrise! Es braut sich etwas zusammen, deshalb wird es Zeit, dass Killing Joke wieder auf den Plan treten und ihr seltsam exorzistisches Ritual abfackeln.

tip: Die frühen Alben von Killing Joke hatten großen Einfluss auf viele Musiker der nachfolgenden Rock-Generation. Profitiert haben Sie selbst davon nur bedingt. Stört Sie das?
Coleman: Nein, überhaupt nicht. Wir wissen, dass wir die Kultur bereichert haben. Das ist ein großer Erfolg, den man nicht mit Positionen in den Hitparaden vergleichen kann. Sehen Sie, es musste da mal jemanden geben, der die gängigen Blues- und Rock’n’Roll-Einflüsse aus Amerika rundherum ablehnt. Was ist überhaupt ein angelsächsischer Rhythmus? Gibt es den? Es gibt in England ja noch nicht einmal eine richtige Volkskultur. Wenn Sie einen Engländer fragen, ob er einen Song seiner Vorväter vorsingen könnte, trällert er Ihnen die Vereinshymne von Manchester United (lacht). Wir müssen uns hier bei Conny Plank bedanken. Er hatte für seine Filmproduktion „Freispiel“ Musiker in neun Studios gesperrt: Uns, Peter Hook von New Order, Can, die Neubauten, DAF. Sie hatten eines gemeinsam: den totalen Verzicht auf Amerikanismen. Conny ist leider tot, aber sein Geist lebt weiter.

tip: Gibt es bald auch neues Material von Killing Joke?
Coleman: Aber sicher. Sehen Sie sich doch die ganzen Jungspunde im Rock an – sollen die etwa eine Bedrohung sein? Wir sind die Bedrohung. Killing Joke ist immer noch die gefährlichste Band auf diesem Planeten. Also sei bereit, Welt!

Interview:
Thomas Weiland

Killing Joke
Columbiaclub Mi 24. + Do 25.9., 21 Uhr
VVK: 20 Euro, Kombiticket für beide Tage: 32 Euro

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