Konzerte & Party

Kinderlieder mit Qualität

3Berlin

„Wischi wischi waschi – ich wasche meine Haare und die Ohren auch.“ Wer so was hört, zuckt unweigerlich zusammen. Traurig, aber wahr: Diese Zeile stammt nicht nur aus der Feder eines der momentan erfolgreichsten Künstler im Bereich der Kindermusik; sie kann in Sachen Absurdität sogar noch übertroffen werden: „Tschu Tschuh Wah/Alle Kinder fahren mit der Eisenbahn/Kleine Räder, große Räder/Hallo Schaffner, hier mein Fahrschein.“ Sinnfreiheit und Zusammenhangslosigkeit par excellence. Und das ganze drei Minuten lang in endloser Wiederholung und mit jeder Menge guter Laune.
Kinder weder zu über- noch zu unterfordern, ist eine schmale Gratwanderung, keine Frage. Peinliche Onomatopoetika oder Texte, die keinerlei Inhalt haben, erwecken jedoch den Eindruck, dass Kinderliedermacher ihr Publikum scheinbar nicht ernst nehmen. „Mich ärgert das total“, sagt Tom Reiss, „Kinder sind so viel schlauer.“ Mit seiner Band, der Mukketier-Bande, schreibt er deshalb seit 2006 Lieder für Drei- bis Zehnjährige, die mit dem gleichen Anspruch komponiert und produziert werden wie „Erwachsenen-Musik“. Die Texte seien dabei tatsächlich das Schwierigste, gibt Reiss zu. „Sie müssen verständlich sein, dürfen aber trotzdem nicht zu blöd daherkommen.“ Neue Stücke testet er daher immer erst mal am eigenen Sohn aus. „Wenn der sagt, ‚Papa, das kapier ich nicht‘ oder ‚Das ist nicht lustig‘, dann feile ich so lange dran rum, bis er zufrieden ist.“ Charme und Witz seien für ein Kinderlied nämlich ganz wichtig, meint Reiss. Ebenso eine in sich abgeschlossene Handlung, sodass die Verse auch als Geschichte vorgelesen werden können.
Mukketier-BandeAber nicht nur textlich heben sich die Stücke der Mukketier-Bande hörbar von einem Großteil der aktuellen Kindermusik ab. Statt des üblichen, spärlichen Homestudio-Sounds – ergo Drum Computer und Synthies – legt die Band großen Wert auf eine satte und volle Instrumentierung. Trompete, Kontrabass, Gitarre, Mundharmonika, Akkordeon, Geige, Banjo und Schlagzeug werden analog und von professionellen Musikern eingespielt, die auch bei den Liveauftritten immer mit dabei sind. Dass ein solches Instrumente-Aufgebot nicht den herkömmlichen eindimensionalen und ballermannesken Kinderdisco-Klang hervorbringt, liegt auf der Hand. „Wir machen genau dieselbe Musik, die wir auch sonst privat oder für erwachsene Zuhörer spielen würden“, sagt Reiss. Im Klartext: Rockabilly, Swing und Country.
Die Einsicht, dass Lieder, die sich an ein junges Publikum richten, weder primitiv in ihrer Komposition noch auf ein bestimmtes Genre begrenzt sein müssen, teilen inzwischen zum Glück noch weitere Künstler. Robert Metcalfe verbindet zum Beispiel rhythmisch anspruchsvolle Arrangements aus den Bereichen Jazz und Latin mit einer klassischen Liedermacher-Singweise, während die Band Randale mit ihren dynamischen und krachigen Stücken zeigt, dass auch Rock, Punk und Metal durchaus kindertauglich sind. Der noch relativ neue Act Deine Freunde verpackt seine Texte über Themen wie Hausarrest, Schokolade und Spielverderber hingegen in einen soliden HipHop-Sound, der mit aktuellen deutschen Rap-Produktionen qualitativ locker mithalten kann.
17 Hippies„Kinder mögen das, wenn der Unterschied zwischen ihnen und Erwachsenen mal nicht gemacht wird“, meint Kiki Sauer, Mitglied der Berliner Band 17 Hippies. Vor wenigen Wochen hat das Ensemble seine erste Kinder-CD „Titus träumt“ veröffentlicht, die sich musikalisch und stilistisch von ihrem üblichen Sound kaum unterscheidet. Weltmusik, vor allem osteuropäische Klänge, aber auch andere traditionell anmutende Melodien, bildet das Fundament der 13 Stücke, über die Sauer und ihre Kollegen in lyrisch anspruchsvoller und bildhafter Sprache fantasievolle Märchenfragmente spannen. „Wir sind an das Album ganz unbefangen und intuitiv herangegangen“, erzählt sie. „Natürlich fragt man sich: Ist das zu schwer? Aber Kinder sind schließlich so verschieden und fassen so unterschiedlich auf. Deshalb haben wir uns einfach auf das konzentriert, was aus uns herauskommt.“
Um Lerneffekte und pädagogische Fundiertheit nicht dem Zufall zu überlassen, verfolgen 3Berlin (Foto ganz oben) bei der Komposition ihrer Kinderlieder einen weitaus bewussteren und durchgeplanteren Ansatz. Ihre aktuelle CD „Von Farbenfeen und Stinkesocken“ orientiert sich inhaltlich an den Themen und Kompetenzbereichen des Berliner Bildungsprogramms für Erzieher. Besonders auffällig und gelungen ist dabei das ruhige Stück „Ich erinner mich an dich“. Es behandelt das für Kindermusik eher untypische Thema Verlust und Tod und soll darüber hinaus noch die Ich- und Sozialkompetenzen der jungen Zuhörer fördern – so zumindest Tobias Weyrauch, der neben dem Projekt 3Berlin noch als gelernter Grundschulpädagoge der musisch-ästhetischen Erziehung tätig ist. Gute Kinderlieder zeichnen sich seiner Meinung nach durch folgende Kriterien aus: „Lustig, aber lehrreich; hochwertig, aber nicht kompliziert – eben eine Verbindung aus Quatsch und Qualität.“ So kann Kindermusik auch generationenübergreifend funktionieren und gefallen.

Text: Henrike Möller

Foto 3Berlin (oben): Stadtgören 

Foto 17 Hippies (unten): Dirk Trageser

Die Mukketierbande, „Landauf, landab unterwegs“, Universal

17 Hippies, „Titus träumt“, Hipster Rec./Soulfood

3Berlin, „Von Farbenfeen und Stinkesocken“, Rotschopf/Indigo

Randale, Heimathafen Neukölln, So 26.1., 11 Uhr

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