Post-Punk-Jazz

King Krule

Gestresste Lässigkeit: Um sich auszukotzen, kippt das britische Multitalent King Krule seinen nackten Baritongesang in ein selbst gebrautes Genre-Gesöff

Da war er wieder, dieser schlaksige, rothaarige Brite, der den Hörer in einen gedrückten Zustand der Schlaflosigkeit versetzt. „Ich brauche einen Ort zum Verstecken“, singt King Krule auf „Czech One“ zu verlangsamtem Saxofon-Gepuste und Klimper-Akkorden. Den scheint er gefunden zu haben, stellte die Single im August doch sein erstes Lebenszeichen seit 2013 – zumindest unter seinem Alias King Krule – und zudem den Vorboten zur neuen LP „The Ooz“ dar. Darauf quillt sein innerer Schmutz nur so aus ihm heraus, in allen denkbaren Varianten. Ob gerappt, gesäuselt oder gebrüllt, King Krule verkörpert ein Pendant zu allem, was nach Glitzerpop stinkt.

Was angesichts der Hassarbeit untergeht: Der  23-Jährige, der mit bürgerlichem Namen Archy Marshall heißt, kann nicht nur singen, produzieren und Songs schreiben, sondern mit Keyboard und Klampfe so ziemlich jedes Genre nachstellen. Schon früh förderte die Familie seine Kreativität. Der Onkel war lange Gitarrist der Ska-Band Top Cats, sein Patenonkel Mitglied der Punk-Reggae-Legenden The Ruts. Archy war verhaltensauffällig, weigerte sich zur Schule zu gehen und litt schon als Kind unter Schlafstörungen. Zur Entspannung flüchtete er sich unter seine Kopfhörer. Er scheint die richtigen Platten aufgesogen zu haben, denn The Smiths, The Clash und J Dilla hört man bei ihm heraus.

Keine Kommerz-Kompromisse

Marshall hatte 2010 unter dem Pseudonym Zoo Kid in der Zeit auf der BRIT School schon ein Mixtape gemacht, bevor er sich, inspiriert vom 1958er Elvis-Film „King Creole“, umbenannte. Seitdem veröffentlicht er Musik unter vielen Namen. Verspult-staubige Beats schmiedet er als Edgar the Beatmaker. Die trockenen Drums der New Yorker Straßenrapvorreiter Mobb Deep haben es ihm angetan. Als DJ JD Sports greift Marshall in die verträumt-funky Plattenkiste. Zudem fliegen unter den Spitznamen Lankslacks und The Return of Pimp Shrimp lose Songs von ihm durchs Netz. Und als Sub Luna City, einem Kumpel-Kollektiv mit Faible für vernebelte Freestyle-Sessions, hat er zwei Hip-Hop-Mixtapes hochgeladen.

Schon auf King Krules 2013er Debütalbum „6 Feet Beneath the Moon“, dessen Intensität starkes Songwriting und reduzierte Instrumentierung ausmachten, kulminieren jedoch Indie, Post-Punk, Jazz und Dark Wave zu einer ganz eigenen Melange. Der Junge mit der Gitarre badet in graublauen Stimmungen und der allgemeinen Perspektivlosigkeit in seinem versifften Südlondon. Der Höhepunkt ist das sich aus der Verzweiflung emporhebende „A Lizard State“ mit seinen druckvoll-eleganten Bläserläufen. Aber so ganz rund war die Platte nicht. Mut zur Unfertigkeit ist ein brachiales Stilmittel, das auch dem Nachfolger „The Ooz“ anhaftet.

Anstatt die These zu widerlegen, die zweite LP sei schwieriger als das Debüt, manövrierte King Krule lässig drumherum: Ende 2015 kam „A New Place 2 Drown“ unter seinem bürgerlichen Namen. Produziert mit seinem Bruder Jack, war die Platte eher ein experimentelles Hip-Hop-Ventil als eine düstere Jazz-Abfahrt.

So erscheint „The Ooz“ nun trotz Überlänge viel aufgeräumter als die vorigen LPs. King Krule gelingt der Coup, seine abseitigen Beats mehr denn je mit seinem punkig-jazzigen Gebräu zu vereinen. „Noch eine verlorene Seele, die nie etwas erreicht hat“, schmetterte Krule in der großartigen 2012er Single „Rock Bottom“. Das glaubt der doch selbst nicht mehr.

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