Konzerte & Party

Klassikkonzerte in der Weihnachtszeit

Weihnachten ist die Zeit, wo die Schokokugeln am Baum weich werden. Und die Herzen auch. Die Theater haben Hochsaison und arbeiten im Akkord. Die Opern spielen „Hänsel und Gretel“, „Nussknacker“ (Deutsche Oper) oder „Die Zauberflöte“ (Komische Oper). Und in den Konzertsälen überschlagen sich Weihnachtskantaten und -oratorien.
Als besonderer Friedensengel erscheint jedes Jahr Christoph Hagel vom Himmel und verhackstückt im Berliner Dom eine Mozart-Oper, eine betanzte Bach-Passion oder dieses Jahr das „Weihnachtsoratorium“. Wofür das Deutsche Fernsehballett wieder zum Leben erweckt wird und ein barbusiger Jüngling Flügel angesteckt bekommt. Im Grunde würde das schon ausreichen, um sich einen deutschen Grinch herbeizuwünschen, der diesem ganzen scheinheiligen Weihnachtszauber den Garaus macht.
Dumm nur, dass man zuweilen selber eine Auszeit von der eigenen Ekligkeit nehmen möchte. Und Frieden mit den Seinigen sucht. Vielleicht will man sogar weggehen, um nicht die ganze Zeit mit glasigen Augen Harmonieseligkeit bekunden zu müssen.
Die liebsten Interpreten sind uns die, welche eine Weihnachts-CD absondern – und danach Ruhe geben. So gesehen ist die CD „Mein Weihnachten“ des von der Bühne abgetretenen Bass-Baritons Thomas Quasthoff eine ideale, übrigens tragisch konnotierte Sache. Von der Kirche enttäuscht, die auf Thomas Quasthoffs schwere Körperbehinderung reichlich unsensibel reagiert hatte, zog sich seine Familie, als er noch ein Kind war, in ihre private Weihnachtsemigration zurück. Man feierte auf Amerikanisch. Für vier Xmas-Standards, darunter Irving Berlins „White Christmas“ und Meredith Willsons „It’s Beginning to Look Like Christmas“, kehrt Quasthoff noch einmal zum Gesang zurück. Das ist schön gelungen. Weit besser als die leicht krude zusammengewürfelten, von ihm gelesenen Weihnachtsgedichte von Rilke über Ringelnatz bis zu Karl Heinrich Waggerl.
Im Konzerthaus wird „Bummelpeters Weihnachtsfest“ mit Martin Seifert wieder aufgenommen. Etwas zwielichtiger präsentieren sich die Original Bolschoi Don Kosaken, beheimatet in Österreich (20.12., 15.30 Uhr). Solider Arbeiter im Weinbrandbohnenberg des Herrn ist erneut die Akademie für Alte Musik: Sie hat für das Weihnachtsoratorium den Windsbacher Knabenchor samt erstklassigen Solisten im Schlepptau. Lupenrein auch die Weihnachtliche Orgelmusik mit Gerhard Weinberger.
Zu den Trittbrettfahrern der Besinnlichkeitsindustrie zählt die Anhaltische Philharmonie Dessau mit ihrer „Römischen Weihnacht“. Was soll das bitte sein?! Prompt verbirgt sich dahinter Rossinis Ouvertüre zur Oper „Die diebische Elster“ (Konzerthaus, 25.12., 20 Uhr). Leicht suspekt auch das Weihnachtskonzert der St. Petersburg Sinfonietta – das mit der „Pizzicato-Polka“ abschließt. Dann lieber gleich zum Weihnachtsliedersingen mit dem Rundfunk-Kinderchor Berlin (26.12., 15 Uhr).
Zu den topsoliden Wiedergängern des Weihnachtsfrohsinns in der Philharmonie gehören der Berliner Konzert Chor, der das erste Sechstel des Weihnachtsoratoriums mit anderen Bach-Schmankerln kombiniert (Kammermusiksaal, 20.12., 20 Uhr). So ist es besser bekömmlich. Überhaupt fällt auf, dass man sich immer häufiger um die volle Dröhnung des eigentlich sechskantatigen Weihnachtsoratoriums herummogelt. Der Karl-Forster-Chor weicht auf diverse Magnificats aus. Der Philharmonische Chor gibt Händels „Messias“ den Vorzug. Der Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale favorisiert Mendelssohns Choralkantate „Vom Himmel hoch“ (22.12., 20 Uhr).
Die Berliner Symphoniker haben sich für zwei Weihnachtsoratoriums-Kantaten, darunter „Bereite dich, Zion“, den berühmten Countertenor Andreas Scholl als Gast geladen (Philharmonie, 21.12., 16 Uhr). Weniger weihnachtlich, aber noch hochkarätiger ist das Freiburger Barockorchester mit Carolyn Sampson aufgestellt (Kammermusiksaal, 21.12., 20 Uhr). So geht’s dahin. Und zwar, je näher das Fest rückt, auch leicht abwärts.
Das Weihnachtsoratorium und ähnliche Werke gehören eigentlich nicht in die Adventszeit, wo sie ständig aufgeführt werden. Sondern in die Weihnachtszeit selber, in die Zeit ab dem ersten Weihnachtstag bis Epiphanias, also bis zum Dreikönigstag am 6. Januar. Nicht in Berlin! Hier fängt man natürlich früher an. Und gleich nach Weihnachten ist es auch schon wieder aus und vorbei, da stimmt man sich mit Beethovens Neunter bereits steil auf die Böllerei zu Silvester ein. Und es ist vorbei mit „Jauchzet, frohlocket!“. Vielleicht besser so.
Weihnachten, das Fest der Katastrophen, bleibt auch im Veranstaltungskalender meist ambivalent. Zweischneidig wie das Messer, mit dem man die Gans zerteilt. Irgendwie kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe der Grinch, der den Leuten die Weihnachts-stimmung stiehlt, gerade im Konzertbusiness Hochkonjunktur. Er feiert mit.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

THOMAS QUASTHOFF: Mein ?Weihnachten. Gedichte & Songs
(Deutsche Grammophon), ab 16,99 Ђ

BUMMELPETERS WEIHNACHTSFEST
Konzerthaus, Kleiner Saal, Sa 20.12., 16 Uhr, ?So 21.12., 16 Uhr, Mo 22.12., 17 Uhr, Mi 24.12., 11 Uhr, Do 25.12., 16 Uhr, Karten-Tel. 203 09 21 01

WEIHNACHTSORATORIUM/?AKADEMIE FÜR ALTE MUSIK
Konzerthaus, Großer Saal, Mo 22.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 203 09 21 01

MAGNIFICAT/KARL-FORSTER-CHOR
Kammermusiksaal, So 21.12., 15 Uhr, ?Karten-Tel. 826 47 27

ANDREAS SCHOLL
Philharmonie, So 21.12., 16 Uhr, ?Karten-Tel. 325 55 62

MESSIAs/?PHILHARMONISCHER CHOR
Philharmonie, So 21.12., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 826 47 27

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