Konzerte & Party

Klavierfestival im Piano Salon Christophori

Klavierfestival im Piano Salon Christophori

„Stoßzungenmechanik“ ist ein hübsches Wort. Man denkt an avancierte Kusstechnik. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Neuerung im Klavierbau des 18. Jahrhunderts, mit der es dem Erfinder Bartolomeo Cristofori 1710 gelang, erstmals vom Zupfklavier (Cembalo) zum Hammerklavier überzugehen. Gott sei Lob und Dank!
Dass sich dahinter sehr viel Arbeit verbirgt, errät, wer im Wedding die Räumlichkeiten des „Piano Salon Christophori“ betritt: eine unaufgeräumte Off-Location, halb Rumpelkammer, halb Klavierwerkstatt mit Stühlen dabei. Seit bereits 15 Jahren haben hier einige der originellsten Klassik-Konzerte überhaupt stattgefunden. Lange wurde darüber nicht berichtet. Weil der Salon-Anstrich einen so halbprivaten Eindruck machte.
Feste Eintrittspreise oder eine Telefonnummer gibt es gar nicht. Nur freiwillige Beiträge – und Gratis-Wein. Denn: Dies ist Klassik-Hören, gepaart mit Flatrate-Trinken. Hat nicht verhindert, dass Christoph Eschenbach und Edgar Moreau, Nikolas Altstaedt und Vilde Frang hier großartige Auftritte absolvierten. Inzwischen ist der Piano Salon so etwas wie Berlins offizieller Geheimtipp in Sachen Klassik. Nach diversen Rauswürfen und Vermieterwechseln aktuell am fünften Standort: Uferstraße 8, direkt am grünen, kiezigen Ufer der Panke.
Ein-Mann-Betreiber Christoph Schreiber ist im Hauptberuf Neurologe. Allerdings begabt mit einem elektromagnetisch siebten Sinn für verborgene Großtalente. Was er kann, zeigt er seit letztem Jahr regelmäßig beim hauseigenen Klavierfestival. Üblichen Klassik-Veranstaltern läuft er mit Tastenteufeln wie Vestard Shimkus (13.2.), Severin von Eckartstein (21.2.), Eldar Nebolsin (10.2., bekannt durch „Spectrum Concerts“) und Amir Katz (4.3.) locker den Rang ab.
In Rage vor Begeisterung gerät Schreiber dann, wenn er seine Neuentdeckungen preist: „Eketarina Derzhavina – am 29.2. – ist die beste Medtner-Interpretin überhaupt!“, schwärmt er. – „Schauen Sie sich auf Youtube den Franzosen Alexandre Brager an!“ (19.2.). „Dagegen klingt Glenn Gould wie ein Schuljunge!“ Auch Alexei Grynyuk (2.3.) müsse man erlebt haben. (Stimmt!)
Das Konzept des Klavierfestivals sieht vor, dass jeder Solist – es sind sämtlich Solo-Recitals – sowohl auf einem alten wie auf einem neuen Flügel spielt. „Auf der Bühne stehen zwölf Instrumente zur Auswahl“, so Schreiber. Darunter nicht nur Steinways und Bösendorfers, sondern auch alte Pleyel- und Erard-Flügel. „Sogar ein drei Meter langer, 900 Kilo schwerer Challen-Flügel aus England ist dabei.“ Den könne man nicht mal rollen, so schwer ist der.
Der Unterschied zwischen alten und neuen Flügeln, zwischen 19. und 21. Jahrhundert, besteht übrigens darin, dass letztere viel homogener, gleichgeschalteter klingen. Heutige Spitzenflügel sollen von oben bis unten überall gleich schön und brillant tönen. Dagegen war der Diskant bei alten Instrumenten klirriger (wie ein Blasinstrument) – und der Bass schepperiger (wie ein Streichinstrument). Mag kompliziert klingen, geht aber leicht ins Ohr. Man kann es derzeit nur im Piano Salon Christophori hören. Hingehen, hinhören!

Text:
Kai Luehrs-Kaiser

Foto:
Hagen Seyring

Piano Salon Christophori Uferhallen, Uferstr. 8, Wedding, Mi 10.2.–Fr 4.3., jeweils 20.30 Uhr, Karten-Reservierungen über [email protected]ügel.com

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