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30 Jahre Springsteen-Konzert in Ost-Berlin

Am 19. Juli 1988 gab Bruce Springsteen mit der E Street Band sein legendäres Konzert an der Radrennbahn Weißensee. Es ist auch eine Ost-West-Geschichte: knapp eineinhalb Jahre vor dem Mauerfall

Text: Lutz Göllner (West) & Erik Heier (Ost)

Redakteure Göllner (rechts) und Heier (links) mit den Eintrittskarten Ost und West.
Foto: Sarah Bergmann

OST Bruce Springsteen hier, im Osten, live? Vergiss es. Niemals. Ja gut, Dylan war da. Joe Cocker auch. Und Bryan Adams. Aber Springsteen? Denk nicht mal dran. Das Jugendradio DT64 spielt die Platten, „Duett – Musik für den Recorder“. Nimm sie auf. Freu dich daran. Besser wird es nicht.

WEST Wie ich zum Springsteen-Fan wurde, das ist eine lange traurige Geschichte, die etwas mit einem Aufenthalt in New York und unglücklichem Verliebtsein zu tun hat. Bis heute ist „Darkness On The Edge Of Town“ meine persönliche Lieblings-LP – bis heute bin ich davon überzeugt, dass sie meine eigene Pubertät behandelt. Und das Warten auf das nächste Lebenszeichen vom Boss war schon damals schwer: Zwischen „Born In The U.S.A.“ und „Tunnel Of Love“ lagen über drei Jahre, ein Konzert in West-Berlin hatte zuletzt 1981 stattgefunden. Jetzt also soll er zurückkehren, in die wunderbare Waldbühne. Aber vorher …

OST 1988, Frühsommer. Meine Mutter guckt komisch. „Ich wollte es dir ja gar nicht sagen.“ – „Was denn?“ – „Dein Bruce spielt bei uns.“ – „Ist klar, Mama.“ – „Wirklich.“– „Mama, das ist nicht lustig!“ Radio an. Jugendradio DT 64. Tatsächlich. Whoa! Ich gehe gerade auf Krücken. Sprunggelenksbruch. Und denke: scheißegal. Auch auf Krücken kann man tanzen.

WEST Da ich sowieso gerne in der AGB und dem Amerika-Haus den „Rolling Stone“ lese, weiß ich früh, was mich erwartet: ein Kassenhäuschen auf der Bühne, in dem Clarence Clemons sitzt, alle Mitglieder der E Street Band müssen an ihm vorbei und Tickets für die Bühne lösen, den „Tunnel Of Love“. Und dann legt die Band los! Vom Konzert in Ost-Berlin, in der Zone, im Trümmerteil der dreckigen Zwillingsstadt, erfahre ich aus der Zeitung und zermartere mir den Kopf: Gibt es eine Chance, an Karten zu kommen?

OST Der Tag ist da. Morgens die Krücken in die Ecke gehauen. Born to run, Baby. Es regnet. Und wie. Diese prähistorische Zeit vor den Wetter-Apps. Hört das noch mal auf? Mit zwei Freunden los. Wir steigen in der Leninallee aus der S-Bahn. In die Straßenbahn gen Weißensee.
Am Radrennbahn-Eingang: das große Tour-Plakat. Bruce im Anzug, Blumen in der Hand. Das riesige Areal dahinter, umrankt von Lichterketten, als wäre hier Kirmes. Ordner im FDJ-Hemd stehen im Weg rum. Vorbei. Da vorn ist die Bühne. Weit weg. 80 Meter. Davor: Massen. Scheiße. Ist das restliche Land jetzt leer? 16o.000 Leute, lese ich später. Schätzungen gehen bis zu einer halben Million. Das größte Konzert, das die DDR je sah. So oder so.

WEST Das mit den Karten war ’ne echte Schnapsidee. Ich hätte zwei Mal ein Visum beantragen und Geld schwarz tauschen müssen (immer ein Risiko). Und was passiert, wenn so ein uniformierter Vollhonk mir wieder an die Schuhe tritt und fragt, was da drinnen ist? Ich MUSS in diesem Fall die Antwort „Füße“ geben, ich kann da nicht anders, und das hatte mir schon mal zu einem Einreiseverbot verholfen. Außerdem habe ich ja schon Karten für die Waldbühne drei Tage später. Gegen Mittag klingelt dann das Telefon und mein alter Kumpel U. ist dran: Das Springsteen-Konzert wird sowohl im DDR-Fernsehen, als auch im Radio übertragen.

OST Kurz vor 19 Uhr. Neben mir steht ein Typ, der sich aus Holzbrettern und Spiegeln ein Gerät zusammegenagelt hat, mit dem man aus zwei Metern Höhe gucken kann. Ich bin neidisch. Suche irgendeine Erhöhung im regenaufgeweichten Boden. Finde einen kleinen Hügel. Bitte, geht doch. Kann losgehen. Und die Sonne bricht durch. Als wollte sie auch keine Sekunde verpassen.
Wenige Minuten nach 19 Uhr. „It’s nice to be in East Berlin.“ Jetzt glaube ich es wirklich. Sie sind da. Unfassbar. Bruce, die E Street Band. Gehen gleich in die Vollen. „Badlands“. Ich springe. Ich tobe. Ich singe. Und dann: „Born In The U.S.A.“. Den Song kennt nun wirklich jeder Depp. Selbst in der DDR. Gibt ja sogar eine Amiga-Ausgabe der LP. Jetzt donnert der Song ins Land. Überall USA-Fahnen. Das Banner des Klassenfeinds. Und alle jetzt so: „Boooorn in the U.S.A.!!!“ Ich gucke mich um. Kein FDJ-Ordner weit und breit. Die weinen sicher gerade irgendwo ins blaue Hemd hinein. Und weiter: perlendes Klavier-Intro. Springsteen hat irgendwas in der Hand. Einen Zettel. Und liest: „Ich bin nicht hier für oder gegen eine Regierung, ich bin gekommen um Rock’n’Roll zu spielen für euch Ost-Berliner in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ Dann singt er Dylans „Chimes of Freedom“. Unfassbar schön. Zu Hause drückt Mama brav die Record-Taste des SKR-700-Kassettenrekorders. Und nimmt auf, wie jemand bei DT 64 mitten in Springsteens Rede panisch am Regler dreht. „… in der Hoffnung, dass eines Tages alle B…“ Schweineblende.

WEST Was erzählt der denn da? Ich bin sicher, Springsteen wird nach dieser Ansprache hinter der Bühne verhaftet. Alter, und ich hab’ 40 Öcken für die Waldbühnenkarte bezahlt. Aber U. lässt die Bandmaschine mitlaufen. Er will Kassetten ziehen und am Freitag vor der Waldbühne verkaufen. Ich bin ja ein bisschen enttäuscht, denn dies ist ganz offensichtlich kein „Tunnel Of Love“-, sondern ein „Best Of“-Konzert.

OST Gleich 23 Uhr: „Cause tramps like us, baby we were born to run“. Ich kann nicht mehr. Stimme im Arsch. Irgendwann noch „Twist And Shout“. Ein letztes Drumsolo von Max Weinberg. Dann ist es vorbei. Ich laufe die Rennbahnstraße entlang, mit Tausenden, es ist wie eine Demonstration, aber noch nie hat sich eine Demo für mich so gut angefühlt. Einer hat ein Transistorradio an, „Because The Night“ vom Konzert eben. Und wir singen mit. Denn diese Nacht gehört den Liebenden.

WEST Drei Tage später. Das Konzert wurde, zusammen mit einem strunzdämlichen Interview tatsächlich im Ost-Fernsehen gezeigt. Es kursieren Gerüchte, dass Bruce nicht einmal eine Gage für den Auftritt bekommen hat, sondern ausschließlich mit Sachwerten bezahlt wurde. Mittlerweile ist allen klar, was er da gemacht hat: Die größte Subversion kann Freundlichkeit sein, damit ließ er die Hardliner umstandslos an die Wand fahren. Groß!
Aber auch das Konzert im feucht-heißen Kesselklima der Waldbühne ist nicht die erwartete Inszenierung. Es ist ein weiterer Auftritt mit seinen „Greatest Hits“. Es ist ein schönes Konzert, mit „Light Of Day“ als mitreißendem und dem Elvis-Schmachtfetzen „Can’t Help Fallin’ In Love“ als emotionalem Höhepunkt. Aber es ist auch der vorletzte Sommer meiner Jugend. 1989 wird Springsteen die E Street Band auflösen. Im Herbst wird die Mauer fallen. Mein Leben wird sich komplett ändern. Und Berlin wird nie mehr so sein wie früher.

OST Manche sagen, die Mauer wäre auch wegen Bruce gefallen. Weil er etwas ausgelöst habe. Chimes of Freedom. Glaube ich nicht. Aber eher Bruce als David Hasselhoff. Im wichtigsten Konzert meines Lebens. Seither für immer.

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