Psycho-Pop

And The Golden Choir im silent green

Wenn die Englein singen

Der Berliner Produzent Tobias Siebert bringt noch einmal sein großartiges Egotrip-Projekt And The Golden Choir auf die Bühne

Tobias Siebert ist schon weiter. Der Berliner Produzent und Musiker hat ein neues Album mit seiner Band Klez.e aufgenommen, das im Januar erscheinen wird. Es ist ein
sehr gutes Album geworden, eine bitterböse Reminiszenz an die dunkelsten 1980er-Jahre, eine Abrechnung mit den Nachwendejahren, ein durchaus autobiografisches Album. Aber jetzt geht es erst noch einmal, ein letztes Mal um And The Golden Choir.
Und das vollkommen zurecht. War das Projekt des umtriebigen Siebert und dessen erstes und bis jetzt leider noch einziges Album „Another Half Life“ für viele doch die
erinnerungswürdigste Veröffentlichung des Jahres 2015. Und das kann man sich durchaus noch einmal ansehen auf der Bühne.
Dort, auf der Bühne, ist dann Seltsames zu bestaunen: Vor jedem Stück holt Siebert eine Schallplatte, ja genau, so ein altes Vinyl-Dingens aus seiner raschelnden Hülle und legt
sie auf einen Plattenspieler. Dann schnallt er sich ein Instrument um, stellt sich ans Mikro, spielt und singt ergänzend zu den knisternden Aufnahmen, die von der Platte kommen.
Daneben steht ganz ruhig eine Stehlampe.
Das ungewohnte Live-Erlebnis hat seinen Grund: Siebert will der Idee, mit der er „Another Half Life“ aufgenommen hatte, auch auf der Bühne möglichst nahe kommen. Diese Idee sah so aus: Der mittlerweile 40-jährige Siebert wollte sich vervielfältigen, wollte allein zu einer ganzen Band werden.
„Ich wollte sehen, ob ich es schaffen kann, als Einzelperson zu einer Gemeinschaft zu werden“, erzählte er, als das Album erschien. „Ich bin gerade sehr gern allein.“
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Ein Alleingang als Auszeit

Bei den Aufnahmen orientierte sich Siebert an den Prinzipien des Dogma-Films: keine Overdubs, keine Bearbeitung am Computer, „ich wollte konsequent analog denken und
möglichst große Authentizität und Direktheit herstellen“. Also spielte er nicht nur jedes Instrument selbst ein, von der Gitarre über die Triangel bis zum Schlagzeug, das er nur leidlich beherrscht; er sang auch selbst alle Spuren des vielstimmigen Chores, der dem Projekt den Namen gab. Da singen nun zum Teil 30 oder mehr Sieberts, und es ist, tatsächlich, als hörte man den Englein zu.
Der Epotrip war für Siebert auch eine Erholung von seinen Bandprojekten Delbo und Klez.e – und vor allem von seinem Brotjob. Als Musiker ist er in Bands stets
auf der Suche nach Kompromissen. Und als Produzent für Kettcar, Philipp Boa, Herrenmagazin oder Enno Bunger hilft er anderen dabei, deren Klangvorstellungen umzusetzen.
Ein Alleingang wie And The Golden Choir, an dem Siebert mehrere Jahre lang immer wieder nebenbei arbeitete, war deshalb vor allem eine willkommene und bitter nötige
Auszeit von der Dienstleistung. Eine Auszeit, die (vielleicht gerade deshalb, weil sie keine zielgerichtete Absicht hatte wie andere kreative Projekte) ein umso entspannteres,
wundervolles und unbedingt hörenswertes Ergebnis fand.

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