Prog-Triphop

Organische Moorschichten

Archive verfluchen auf ihrer neuen Platte das falsche Fundament, auf das unsere Welt gebaut ist. Wenn das nicht das Album der Stunde ist!

Man könnte ja meinen, die Welt gerät gerade aus den Fugen – oder man denkt eine Stufe radikaler und sagt: Nee, schon das Fundament, auf dem sie fußt, ist falsch. Kein richtiges Leben im falschen. Dieser Präsident kommt ja nicht aus dem Nichts. „The False Foundation“ heißt das zehnte Studio-Album der Briten von Archive seit ihrem Debüt „Londinium“ vor 20 Jahren. So lang hält nicht jede Band, aber tatsächlich sind Archive im Lauf der Dekaden mit wechselnden Konstellationen (elf aktuellen und sechs ehemaligen Mitgliedern) auch immer mehr Kollektiv als Band gewesen. Begonnen hat das Mitte der 1990er, als Progressive House und TripHop für einen Moment große Hausnummern waren. All das ist Teil ihres musikalischen Archivs, organisch eingelagert wie im Moor. Repetition und Variation.

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Rhythmen elektronischer Musik. Balance zwischen balladesker Basis aus Piano und den trip-hoppenden Tracks, die vom Beat getrieben sind. Das Kollektiv baut den vollen Sound, der hypnotisiert. Letztens haben Archive dafür analoge Drum Machines aus der Sowjetunion der 1970er geordert. Los geht’s auf dem neuen Album im Opener „Blue Faces“ mit Gesang  von Gary Jules, den alle Welt für sein Piano-Cover von „Mad World“ kennt. Die Welt ist voller Mad Men – damit wäre doch die Stimmung fürs Archive-Album gesetzt. Dabei ist der Song im idyllischen Seebad Brighton entstanden. „Man konnte die verdammten ­Vögel singen hören“, flucht Archive-Keyboarder Darius Keeler auf die schmunzelnde Art, die ahnen lässt, dass er gern den Miesepeter gibt. Letztlich spielen Archive ja auch mit in dieser verdammten Welt: Seit 2012 beschallt ihr „You Make Me Feel“ einen Werbespot. Für Haarfärbemittel. Autsch. „Splinter“, einer der neuen Songs, handelt von Fremdkörpern wie Holz- oder Granatsplitter, die sich in den Körper bohren. Manchmal ist es dann bekanntlich besser, sie stecken zu lassen statt sie im Affekt herauszureißen. Und so machen das Archive ja auch selbst, indem sie diese verschiedenen musikalischen Elemente in ihre Blutbahn injizieren, die ihren Klangkörper beleben und bereichern und berauschen.

 

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