Queeres Chaos, Pop im Club

Als Austra produziert die kanadische Musikerin Katie Stelmanis clubtaugliche Popmusik mit Operngesang und Synthesizer. Ihr neues Album „Chin Up, Buttercup“ entstand aus einer Trennung, die ihr Leben und ihre Musik lange bestimmte. Jetzt ist Austra wieder auf Tour. Vor ihrem Konzert im Berliner Kesselhaus spricht sie mit tipBerlin über Adrenalin, ihr Tagebuch und Konzerte in politisch brisanten Zeiten.
Man kann Austra auf viele Arten beschreiben: als Electro-Pop-Projekt, als kanadische New Wave, als Gothic-Techno-Oper. Katie selbst hält es lieber schlicht. „Indie Electronic” ist ihre knappe Beschreibung, im Grunde mache sie aber Popmusik. Dann stockt sie kurz: „Ich mache unbeliebte Popmusik“, sagt sie ganz unironisch.
Ganz so unbeliebt kann diese Popmusik nicht sein, sonst wäre sie wohl kaum ein halbes Jahr lang auf Welttournee. Viel eher meint sie damit, dass ihre Songs nicht nach Taylor Swift klingen. Wer klassischen Chart-Pop erwartet, dürfte von Austras Sound überrumpelt sein: Synthesizer, Drum Machines – und ihre markante Stimme, die darüber klingt. Bevor sie Produzentin und Songwriterin wurde, sang sie in Opernproduktionen. Schon als Kind stand sie zwischen Opernsängerinnen auf der Bühne: „Das ist irgendwie ein magisches Erlebnis”, erinnert sie sich, „allein diese Lautstärke”. Diese fast körperliche Wucht hat sie nie ganz verlassen.
Mit ähnlicher Wucht traf sie Jahre später eine ganz andere Erfahrung: Ihr aktuelles Album „Chin Up, Buttercup“ entstand nach einer plötzlichen Trennung, die ihr Leben durcheinanderwirbelte und sie lange beschäftigte – länger, als ihr lieb war.
Scham, Wut und Selbstmitleid: Austra bleibt schonungslos ehrlich
„Warum würde man immer wieder die schlimmste Trennung seines Lebens durchleben wollen?”, fragt sie sich selbst rückblickend. Indem sie das Album produzierte, tat sie aber genau das. „Ich glaube, an dem Album zu arbeiten hat viele meiner Gefühle sogar in die Länge gezogen.“ Andererseits habe sie nicht das Gefühl gehabt, überhaupt eine Wahl zu haben. Wann immer sie versucht habe, über etwas anderes zu schreiben, blockierte ihr Kopf. „Ich war völlig auf dieses eine Ereignis fixiert.“
Katie erzählt davon mit bemerkenswerter Ehrlichkeit: Von der Sorge, verrückt zu werden, davon, wie dieser Umbruch ihr Leben, ihre Musik vereinnahmte. Wenig überraschend, dass sie sich für das Album ein Alter Ego schuf: Buttercup. In dieser Figur lässt Stelmanis all jenen Gedanken Raum, die man normalerweise lieber verdrängt: Selbstmitleid, verletztes Ego, Wut. Buttercup verkörpert die schamerfüllten, manchmal fast paranoiden Gefühlszustände nach einer Trennung. Viele Songs entstanden aus Tagebucheinträgen, die ursprünglich nie für die Öffentlichkeit gedacht waren.

Heute singt sie diese Songs vor einem Publikum, das ihr seit Jahren treu ist. Schon zu Anfang ihrer Musikkarriere habe sie gewollt, dass alle wissen, dass sie selbst queer sei. „Ich wollte, dass queere Menschen zu den Shows kommen. Und das hat funktioniert.“
Ihre Konzerte sind von genau diesen Menschen geprägt. „Wenn die queere Community zu deinen Shows kommt, ist das einfach das beste Publikum, das du haben kannst.“
Austra auf Tour: Pop trotzt der Trauer in Minneapolis
Dass diese Community oft politisch ist, erlebte Austra kürzlich bei einem Konzert – ausrechnet im Januar spielte sie in Minneapolis: Etwa eine Woche nach der Erschießung von Renée Good durch einen Agenten der US-Einwanderungsbehöre ICE, und eine Woche bevor Alex Pretti ebenfalls durch diese getötet wurde. „Wir hätten das Konzert fast abgesagt“, erzählt Katie, nicht zuletzt, weil parallel in der Nähe des Venues ein rechtsextremer Aufmarsch stattfand. „Wir waren sogar nervös, überhaupt etwas Politisches zu sagen.“
Während der Show übernahm schließlich das Publikum selbst diese Rolle: „Bestimmt zwanzig Mal riefen sie Parolen gegen ICE’“, sagt Katie. „Sie waren wirklich mutig.“ Rückblickend ist sie froh, dort gewesen zu sein. Außerdem verschmelzen Verzweiflung und Lebensdrang kaum irgendwo besser als in Austras Musik: Ihre Tour geht weiter, die erste große seit Jahren. „Dieses magische Adrenalin hatte ich fast vergessen”.
Am 12. März spielt Austra im Berliner Kesselhaus. „Ich habe das Gefühl, wir sind hier fast beliebter als in Kanada“, sagt Katie. Nur eine Nebenwirkung hat Berlin offenbar: „Fast jedes Mal verliere ich hier meine Stimme“, sagt sie lachend.
Auf dieser Tour begibt sie sich noch einmal in die Rolle der schamerfüllten Buttercup. Irgendwann hofft sie, auch wieder über etwas anderes singen zu können. Über die Trennung ist sie inzwischen hinweg – und sogar längst schon neu verliebt.
- Kesselhaus Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg, Do 12.3., mehr Info hier
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