Konzerte

CTM 2015 – Un Tune

CTM 2015 - Un Tune

Er ist ein Musiker mit Vergangenheit. Kevin Martin, ursprünglich Fan von Dub-Reggae, Post-Punk und Industrial, machte sich in den Neunzigern zuerst mit den Bands G.O.D., Techno Animal, Ice und Curse of the Golden Vampire einen Namen. Sie standen für musikalischen Fortschritt. Ideen aus Jazz, HipHop, Noisecore und Ambient spielten als Einflüsse verstärkt eine Rolle, als Mitwirkende tauchten John Zorn, Anti-Pop Consortium, Blixa Bargeld oder Alec Empire auf.
Es ist aber ein anderes Standbein, das sich zu Martins festem Zuhause entwickelt hat. Unter dem Namen The Bug lebt er seine Liebe zur jamaikanischen Musik aus. Große Bekanntheit erreichte er mit dem dritten Album „London Zoo“, das die aufgeheizte Stimmung in der britischen Hauptstadt zum Thema hatte. Der sonst friedliebende Tippa Irie erzählte als Gast, was ihn alles in Rage bringt. Seine Kollegin Warrior Queen feuerte in „Poison Dart“ verbale Giftpfeile ab. Rückblickend betrachtet handelte es sich bei diesen Taten um einen Abschiedsbrief. „In letzter Zeit ist es in London für meinen Geschmack viel zu brutal geworden. Ich musste meine Freundin, sooft es ging, von der Bushaltestelle abholen. Trotzdem wurde sie einmal überfallen. Das Viertel Poplar befindet sich in der Nähe des Wirtschaftszentrums Canary Wharf, dessen Hochhäuser man überall sieht. Der offene Gegensatz zwischen ganz reich und ganz arm macht die Leute aggressiv“, weiß Martin. Trotzdem hat er lange mit dem Umzug gezögert. Als seine japanische Freundin im Königreich keine Aufenthalts­erlaubnis mehr erhielt, packten die beiden ihre Koffer und verließen das Tollhaus.
Heute leben sie in Friedrichshain, in einem der „mächtigen stalinistischen Propaganda-Wohnungen in der Nähe des Frankfurter Tors“, wie Martin sie nennt. Sie sind glücklich dort. Die Befürchtung, dass seine traditionell kämpferische Musik unter entspannteren Lebensbedingungen an Biss und Härte einbüßen könnte, hat der Musiker nicht. „Ich bin unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen. Mein Vater hat ständig auf mich und meine Mutter eingedroschen. Es gab allerlei Stress damals. Ich habe schnell gemerkt, wie wichtig es für mich in dieser Situation ist, Musik zu machen. Mit ihrer Hilfe konnte ich die bösen Erfahrungen verarbeiten. Daran wird sich bei mir nie etwas ändern, auch nicht durch einen Umzug.“ Als Beweis führt er den Song namens „Fuck You“ an, den er in Berlin geschrieben hat und der auf dem aktuellen Album enthalten ist. Es heißt „Angels & Devils“ und unterscheidet sich in zwei Punkten von den bisherigen von The Bug. Normalerweise fallen Musiker ja mit der Tür ins Haus und beginnen mit Hits oder einem krachenden Einstieg. Martin dagegen geht es mit Liz Harris alias Grouper und Inga Copeland (ehemals Hype Williams) zunächst besonnen an. Erst in der zweiten Hälfte kehrt er zum extrovertierten Stil zurück. So eine Aufteilung hat sich schon auf Bowies „Low“ und Cans „Tago Mago“ bewährt und funktioniert auch hier.
Beim CTM-Auftritt von The Bug wird es aber nicht nur um die Vorstellung einer neuen Platte gehen. Martin wird auch an seine letztjährige „Sirene“-Performance in der Berlinischen Galerie im Rahmen der Installation „Echo“ von Nik Nowak anknüpfen. Mit nichtrhythmischer Musik begleitete er die Bewegungen eines kleinen Panzermobils, das die Verschränkung der alltäglichen und militärischen Anwendung neuer Technologien veranschaulichen sollte. Fraglos eine gute Vorlage für die Darbietung bei einem Festival, bei dem es mittlerweile schon traditionell um die Zusammenführung von akustischen und optischen Signalen geht.

Text: Thomas Weiland

Foto: Fabrice Bourgelle

CTM 2015 – Un Tune Verschiedene Orte, ?Fr 23.1. bis So 1.2., verschiedene Preise

Mehr unter www.ctm-festival.de

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