Konzerte

Earth

Ein Stück von Earth kann schon etwas dauern. Für „Teeth of Lions Rule the ­Divine“ etwa muss man sich auf sage und schreibe 27 Minuten einstellen und damit rechnen, dass in dieser Zeit gar nicht so viel passiert. Ein Metal-Riff schleppt sich zäh wie ein Wanderer voran, der durch tiefen Schlamm watet. Dazu läuft ein aus Verzerrungen und Feedback herrührendes Dröhnen mit. Benutzt werden hauptsächlich Gitarre, Bass und eine Vielzahl an Effekten. Trotzdem hat die Band aus Seattle die Rockmusik mit ihrem 1993 veröffentlichten Album „Earth 2: Special Low Frequency Version“ auf diese Weise gewaltig verändert. Sie hat gezeigt, dass man Töne eigentlich nur halten und nicht unbedingt spielen muss. Diszi­plin ist gefragt. Dann kann man das, was von Black Sabbath, Godflesh, den frühen Swans oder den Avantgarde-Komponisten Phill Niblock oder La Monte Young vorgemacht worden ist, noch minimaler umsetzen.
Die Entwicklung von Earth lässt sich in zwei Phasen unterteilen. Die erste dauerte von 1989 bis 1997. In dieser Zeit war Gitarrist und Lenker Dylan Carlson nicht immer Herr seiner Sinne, weil er seine Heroinsucht nicht in den Griff bekam. Sein bester Freund war Kurt Cobain. Vor dem großen Erfolg mit „Nevermind“ trafen sich die beiden oft in verschiedenen Motels, wo sie ungestört Drogen konsumierten. Eines Tages wollte sich Kurt eine neue Schrotflinte kaufen, konnte es aber nicht mehr selber tun. Die Polizei hatte ihm seine eigenen Waffen zuvor abgenommen und ihn auf eine Verbotsliste gesetzt. Am Ende kaufte Carlson die Flinte. Es war die Waffe, mit der sich Kurt später tötete. Carlson hat auf Nachfrage immer betont, dass sein Kumpel auf ihn am Kauftag keinen depressiven Eindruck gemacht hatte und den Erwerb mit dem Schutz seiner Person begründete. Dennoch ging dem Earth-Leader der Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, dass er einen Riesen­fehler begangen hatte. Er brauchte eine Auszeit von der Musik und volle Konzentration für eine Drogentherapie. Am Ende hat sie geholfen.
Anfang der Nullerjahre schrieb Carlson wieder Songs für Earth. Nicht nur das, im Jahr 2008 legte er mit „The Bees Made Honey In The Lion’s Skull“ das zweite unerlässliche Album seiner Karriere vor. Der langsame Rhythmus war noch vorhanden und wurde durch die Benutzung eines Schlagzeugs noch stärker betont. An der ­Gitarre suchte Carlson Nähe zur Atmosphäre in den Spaghetti-Western-Soundtracks eines Ennio Morricone, auch zu Country und Jazz. Earth waren immer noch sehr in ihre Sache vertieft, hörten sich nun aber zugänglicher und entspannter an. Mit dem aktuellen Album „Primitive and ­Deadly“ setzt Carlson erneut andere Akzente. Die wichtigste Nachricht ist, dass Gesang nun nicht mehr mit aller Macht gemieden wird. Einmal gastiert Mark Lanegan in „There Is a Serpent Coming“. ­Leider muss man es trotz der unbestrittenen Klasse dieser Seattle-Legende akzeptieren, dass seine Stimme nicht zum hypnotischen Vibe der Musik passt. ­Besser ist der Einsatz von Rabia Shaheen Qazi in „From the Zodiacal Light“. Die Dame singt sonst für die psychedelische Rockband Rose ­Windows und weiß, wie man durch den Sound gleitet. Einen Versuch war es auf jeden Fall wert. Earth haben in den 25 Jahren ihrer Existenz viele Nachahmer gefunden, allen voran Stephen O’Malley mit Sunn O))), Justin Broadrick mit Jesu oder die Bands Skullflower oder Nadja. Durch ständige Veränderung sorgt Carlson dafür, dass ihm andere auch in der Zeit nach Kurt weiter gespannt zuhören.

Text:
Thomas Weiland

Foto: Samantha Mulja

Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, So 8.2., 20 Uhr, ?VVK: 20 Euro zzgl. Gebühr

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