Konzerte

Interview mit dem Hamburger Kollektiv Trümmer

Trümmer

Das Trio Trümmer besteht aus Paul Pötsch (Gesang und Gitarre), Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug).
Über ihr Alter gibt es verschiedene Angaben, 18 Jahre lautet die offizielle Antwort. Ihr Debütalbum erscheint am 22. August und ist nach dem Namen der Band betitelt. Konzerte haben sie bereits auf dem Melt!-Festival und als Support von Dinosaur Jr. und Casper gespielt. Ein Konzert in Berlin folgt im Oktober.
Trümmer stellen in ihren Songs den Ist-Zustand der Gesellschaft radikal infrage, bleiben in diesem Stadium der Wut aber nicht stehen, sondern formen sie um in ein befreiendes und ansteckendes Gefühl von Aufbruch. Ein Text-Repertoire voll potenzieller Jutebeutel-Slogans: „Wir fahren weiter ins Blaue hinein“ krakeelt Sänger Paul Pötsch in „Schutt und Asche“, „Komplett normal zu sein, ist doch wirklich geisteskrank“ gibt er im „Song „1000. Kippe“ von sich, und in „Nostalgie“ heißt es: „Und ich schwebe, bitte fange mich jetzt nicht auf.“ Umrahmt werden ihre gleichermaßen simplen wie klugen Lyrics von einem musikalischen Sammelsurium aus verträumtem Indierock, schmutzigem Punk, leichten NDW-Anleihen und eingängigem Pop.

tip Euer Bandname hat eine sehr schöne Ambivalenz. Einerseits stehen Trümmer für etwas Zerstörtes, andererseits können sie aber auch Symbol für einen Neuanfang sein.
Paul Pötsch Genau. Der Zweck von Musik ist es, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen. In der Popmusikgeschichte kann man ja nachverfolgen, dass gesellschaftliche Krisen immer irgendeine Form von Bewegung nach sich zogen. Aber wie sieht das heute aus? Findet so ein Dagegensein, wie man es oft mit Jugendkultur verbindet, überhaupt noch statt und wo steht man selbst in alledem? Unsere Musik ist ein Appell, sich aus der Lethargie zu befreien.

tip Euer Antrieb ist ein Gefühl von Stillstand?
Tammo Kasper Wenn man sich anschaut, wie die Welt gerade aussieht, kann man damit nur schwer zufrieden sein.
Maximilian Fenski Ich habe oft das Gefühl, dass sich Leute zu wenig damit beschäftigen, was ihnen fehlt. Sie messen ihren Wünschen keine Bedeutung bei und versuchen erst gar nicht, sie in die Tat umzusetzen.
T. ?K. Unsere Gegenwart ist wahnsinnig utopiefeindlich. Es gibt keine gesellschaftlichen Gegenentwürfe mehr. Es ist einfach vollkommen klar, dass alles ist, wie es ist. Was anderes zu denken, passt da nicht mehr rein. Und das wollen wir infrage stellen. Es geht zunächst einmal ganz grundlegend darum, überhaupt Utopien denken zu können.

tip Diesen Mangel an Gegenentwürfen beobachtet ihr auch in der Musik. Ihr versteht euch als Gegenfront zur allgemeinen musikalischen Gleichschaltung. Was meint ihr damit?
P.?P. Der springende Moment, warum wir die Band gegründet haben, war, dass wir gespürt haben: Es gibt viel Musik da draußen, aber von den meisten Sachen, die produziert werden, fühlt man sich einfach nicht angesprochen; die haben mit mir und meinem Leben und den Gedanken, die ich habe, nichts zu tun. Das war der Antrieb, zu sagen: Dann lasst es uns doch einfach selber machen. Was sich durch unsere ganzen Songs hindurch zieht, ist ein Gefühl von Unzufriedenheit, von Widerspruch.
M.?F. Ich finde, dass man in der ganzen Pop­musik oftmals so eine Gemütlichkeit heraushört, mit der wir uns überhaupt nicht identifizieren können. Etwas sehr Kumpeliges.

tip In eurem Song „Scheinbar“ geht es um Leute, die immer so tun, als sei alles perfekt. Habt Ihr eine Erklärung dafür?
T.?K. Man hat heutzutage das Gefühl, immer funktionieren zu müssen. Sobald man versucht, auf irgendeine Art und Weise auszubrechen, wird man sanktioniert. Schwäche zu zeigen, ist nichts, was in dieser Gesellschaft belohnt wird.
M.?F. Außerdem ist es einfacher, sich in einem festgesteckten Wertesystem zu bewegen.
P.?P. Diese Normalität ist einfach so ätzend. Das hält man doch nicht mehr aus. Meiner Meinung nach herrscht gesellschaftlich gerade das totale Mittelmaß. Exzentrik wird bestraft. Leute wie David Bowie in den 70ern, der einfach gesagt hat: „Ich bin jetzt mal ganz weit draußen und habe mit dieser Gesellschaft nichts zu tun“, die gibt es nicht mehr. Trotzdem haben viele nach fünf harten Arbeitstagen das Bedürfnis, sich auf Drogen zu setzen und erst mal auszurasten. Da sieht man dieses Zweigesichtige heutzutage. Das Bedürfnis nach Extremen ist nach wie vor da, aber man gesteht es sich nicht ein.

tip Wegen der klaren Positionen, die Ihr bezieht, habt Ihr viel Anerkennung bekommen. Was war der außergewöhnlichste Moment in eurer bisherigen Karriere?
P. ?P. Als ich realisiert habe, dass ich durch das, was ich tue, mein eigenes Leben verändert habe. Es kommt schließlich keiner zu einem her und sagt: „So, du bist jetzt Sänger.“ Das hat man ja quasi selbst erfunden. Wenn man dann merkt, dass dieses Sich-selbst-Erfinden gelingt, ist das eine krasse Erfahrung.

tip Welchen Effekt wünscht ihr euch von eurer Musik? Was soll sie im Zuhörer bewirken?
P.?P. Die Idee dahinter ist natürlich schon etwas Emanzipierendes. Wir versuchen, aus der Wut eine positive Energie abzuleiten und sie an den Hörer abzugeben. Letzten Endes soll unsere Musik aber auch einfach Spaß machen. Unser Album ist eine Rock’n’Roll-Platte geworden – hoffe ich zumindest. Da gehört natürlich auch was Exzessives dazu, was „Let’s fuck this shit up“-Mäßiges
M.?F.  Ich würde mir wünschen, dass es die Leute mutiger macht. Mutiger, zu sich selbst zu stehen, zu seinen Wünschen und Bedürfnissen. Und sie sollen anfangen, Bands zu gründen.
T.?K. Stimmt, das ist wichtig.
P.?P. Die bei der ersten Velvet-Underground-Platte. Nicht viele haben sie gekauft, aber alle, die sie gekauft haben, haben danach eine Band gegründet.

Text:
Henrike Möller

Foto: Voy

ufair Festival in der ufa Fabrik mit Trümmer, Jonathan Kluth, Okta Logue u.?a., ?ufaFabrik, Sa 9.8., ab 14 Uhr, VVK: 14 Euro

Mehr Informationen unter:www.ufair-festival.de

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