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Interview mit John Lydon

Interview mit  John Lydon

John Lydon nennt sich selbst nicht ohne Ironie „König des Punk“. Als Sänger der Sex Pistols schrieb er Musikgeschichte, mit der Nachfolgeband Public Image Ltd. PIL leitet er 1978 die Ära des Postpunk ein. PIL zählt heute zu den wegweisenden und einflussreichsten Bands der späten Siebziger Jahre, doch bekannt geworden ist der streitbare Lydon in England vor allem durch seine Auftritte in der englischen Version des „Dschungel-Camp“ und mit einer Butterwerbung, die es ihm finanziell ermöglichte, mit PIL 2010 wieder ins Studio zu gehen. Punk mag tot sein, aber mit PIL riecht er wenigstens nicht komisch.

tip Mr. Lydon, die Sex Pistols lösten sich 1978 auf, kurz darauf gründeten Sie Public Image Ltd. War das damals für Sie eine befreiende Erfahrung, plötzlich ihre eigene Band zu haben?
John Lydon Für mich verlief der Übergang von den Sex Pistols zu Public Image natürlich. Ich war gelangweilt und wollte neue Dinge ausprobieren. Dieses Bewusstsein fehlt Punk bis heute, die Musik hat sich seit damals kaum weiterentwickelt. Ich aber wollte die Welt zu einem besseren Ort machen. Und das schafft man nicht, indem man sich oder andere nachäfft.

tip Auf YouTube findet sich ein eindrucksvoller PIL-Auftritt in der Musiksendung „American Bandstand“. Darin mischen sie sich gleich zu Beginn des Stücks unter das Studio-Publikum und ziehen die Leute zum Tanzen auf die Bühne. Steckte in diesem Auftritt schon die grundlegende Idee von PIL: ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen?
John Lydon Nur so kann Musik doch funktionieren. Ich bin nicht auf dieser Welt, um mir Feinde zu machen. Zugegeben, ich bin damit in der Vergangenheit nicht sehr erfolgreich gewesen. Man könnte auch sagen, dass ich über die seltene Gabe verfüge, das Falsche zum richtigen Zeitpunkt zu sagen – und das Richtige zum falschen Zeitpunkt. Dieses Talent hatte mir in der Öffentlichkeit das Image des ewigen Nörglers eingebracht. Nichtsdestotrotz habe ich zum Leben immer eine positive Einstellung gehabt. Das Cover unseres neuen Albums „What The World Needs Now…“ spiegelt diese Haltung wider. Es zeigt einen Joker, eine Figur aus der Hopi-Kultur. Der Joker fordert die Institutionen heraus und führt den Menschen vor Augen, wie sehr sie in ihrem gesellschaftlichen Status und ihren täglichen Ritualen verstrickt sind, so dass sie den Blick für das Wesentliche verloren haben.

tip Sehen Sie sich in der Rolle des Jokers?
John Lydon Absolut, in mir steckt ein kleiner Prankster. Die größte Gefahr für einen Menschen besteht letztlich doch darin, sich selbst zu ernst zu nehmen. Seien wir ehrlich: Was führt denn zu Hass, zu Animositäten und zu Kriegen? Doch nur die Unfähigkeit, sich selbst herauszufordern, über sich zu lachen und nicht zu erkennen, wenn man falsch liegt. Für mich gibt es in dieser Welt nur ‚uns’ – nicht ‚uns’ und ‚sie’. Darum versuche ich in mich hineinzuhören, damit ich mit meiner positiven Energie andere anstecken kann. Wenn man auf der Bühne steht, muss man sein Ego über Bord werfen und einfach Mensch sein.

tip Was denken Sie, wenn ihre Landsleute den Erfinder des Punk heute als Celebrity wahrnehmen?
John Lydon So habe ich mich auch nie gesehen. Ich verabscheue die Vorstellung von Ruhm, es ist eine negative Eigenschaft. Ruhm bürdet einem Menschen Einschränkungen auf, die ich nicht bereit bin zu akzeptieren.


tip Aber verletzt es sie nicht, dass mehr Menschen sie heute aus dem Dschungelcamp oder einer Butterwerbung kennen als für ihre musikalischen Errungenschaften?
John Lydon Ich will diese Erfahrung nicht missen. Aber es schmerzt schon manchmal, dass die Arbeit, für die ich heute gerne Anerkennung erhalten würde, marginalisiert wurde. Andererseits habe ich für das Fernsehen auch Sendungen gemacht, auf die ich sehr stolz bin. Zum Beispiel eine großartige Dokumentar-Reihe über Insekten mit dem Titel „Megabugs“, die heute sogar auf dem Lehrplan von englischen Universitäten steht.

tip Haben Sie darum PIL vor fünf Jahren wieder zusammengebracht?
John Lydon
PIL hat mir all die Jahre wirklich gefehlt, in dieser Band steckt mein Herzblut. Mit den Pistols war das anders. Wir beschlossen damals, nie wieder zusammen zu spielen, weil wir aufgehört hatten, Freunde zu sein. Mit PIL werde ich dagegen immer eine Liebesbeziehung führen. Ich habe mit so vielen brillanten Leuten gearbeitet und jeder von ihnen hat die Band mit neuen Ideen verlassen. Vielleicht kann man PIL am ehesten mit einem Workshop vergleichen.

tip Wie ein Labor?
John Lydon Definitiv ein Labor, bedenkt man die Chemikalien, mit denen wir damals unsere Körper misshandelt haben. Johnny war kein Waisenknabe.

tip Dann liegt ihnen PIL von allen ihren Bands und Projekten am meisten am Herzen?
John Lydon Definitiv. Es ist für mich das Größte, mit Freunden in einer Atmosphäre von gegenseitigem Respekt zu arbeiten. Ich versuche, diesen Vibe in alle Bereiche meines Lebens zu tragen. Es ist viel ergiebiger, die positive Seite der Menschlichkeit zu erkunden. „What The World Needs Now…“ zeigt das in gewisser Weise. Die Songs sind wild und grimmig, diese Seite an mir werde ich nicht mehr bändigen. Aber sie drücken auch ein hohes Maß an Empathie aus. Ich bin noch nicht ganz der Mensch, der ich gerne sein würde. Aber ich mache Fortschritte.

Interview:
Andreas Busche

Foto: wasted youth pr

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