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Interview mit Midori Seiler

Interview mit Midori Seiler

tip Frau Seiler, wenn in Hollywood ein nerviger Intellektueller karikiert wird, wählt man als Filmmusik gern Bachs Violin-Sonaten und -Partiten. Warum?
Midori Seiler?Naja, ich kann mir schon vorstellen, dass der Klang einer Geige, wenn sie ganz alleine gespielt wird, nervt. Vor allem zuhause, wenn geübt wird. In Wirklichkeit gibt es zwei Möglichkeiten, Bach zu spielen: eher intellektuell, also konstruiert nach allen Regeln der Kunst. Oder sehr affekthaft. Wenn das gute Interpreten tun, nervt es nicht.

tip Bei Ihnen klingt Bach erdiger, orchestraler und nicht schrill. Das liegt an den Darmsaiten, die Sie spielen?
Midori Seiler Ja. Darmsaiten haben historisch den Kampf gegen Stahlsaiten verloren, weil die Stahlsaite lauter, stabiler und billiger war. Wenn es um Klangschönheit geht, haben aber auch die Verfechter der Gegenseite eingeräumt, dass Darmsaiten mehr Farben haben und weicher klingen. Der Klang heutiger, normal bespannter Geigen ist viel gleichförmiger und homogener. Darm war damals übrigens nicht gleich Darm. Man hat oft erst einen halben Meter abschneiden müssen, bevor man ein gutes Stück erwischte. Sehr teuer!

tip Bachs Solo-Sonaten und Partiten müssen oft als Zugaben-Stücke herhalten. Dabei gibt es kaum Anstrengenderes!
Midori Seiler Ja, für den Solisten. Man ist komplett nackt, wenn man ­diese Werke spielt, und kann sich hinter nichts und niemandem verstecken. Ich spiele in Berlin Sonate und  Partita Nr. 3, also zwei dieser Werke. Sämtliche sechs aufzuführen wäre für alle, wie ich meine, eine Überforderung.

tip Warum haben Sie keine normale Solistenkarriere gewählt mit Gast-Konzerten in aller Welt?
Midori Seiler Mein Weg war ein anderer. Ich hatte schon eine Orchesterstelle, als ich noch in Basel studierte. Die habe ich gekündigt, um noch Barockgeige zu studieren. Dann wurde ich Mitglied in der Akademie für Alte Musik Berlin. Und habe viel Kammermusik mit Jos van Immerseel gemacht. Das Tschaikowsky- oder das Sibelius-Konzert reizt mich weniger. Das Beethoven-Konzert allerdings schon.

tip Martha Argerich hat das solistische Konzertieren aufgegeben, weil sie sich unangenehm ‚begafft‘ fühlte. Wie geht es Ihnen damit?
Midori Seiler Ich finde, dass eine voyeuristische Komponente in gewisser Weise zum Geschäft gehört. Wir spielen in der Öffentlichkeit, und müssen uns damit abfinden, gesehen zu werden.

tip Im Übrigen könnten Sie sich, um etwas geschützter zu sein, hinter Ihren Haaren verstecken.
Midori Seiler Das tue ich sogar manchmal. Mit offenen Haaren zu spielen ist zwar nicht ganz ungefährlich, weil sie unversehens in die Saiten geraten können. Aber dann dreht man halt schwungvoll den Kopf – und darauf geht‘s wieder.

interview: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Oliver Roller

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