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Interview mit Richard Williams

Interview mit Richard Williams

tip Herr Williams, Sie leben in London, mit welchen Erwartungen sind Sie nach Berlin gekommen, um hier der künstlerische Leiter vom Jazzfest zu werden?
Richard Williams Ich kannte das Festival recht gut, erstmals kam ich 1969 zum Jazzfest Berlin und dann noch einige Male in den 1970er-Jahren. Damals lernte ich auch Joachim-Ernst Berendt kennen, den damaligen künstlerischen Leiter, einen Mann, den ich seither bewundert habe. Berendt hatte eine wirklich interessante Vision von Jazz, er wollte den Begriff erweitern.

tip Was genau meinen Sie mit erweitern?
Richard Williams Es war der Glaube daran, dass Jazz nicht mit den Amerikanern begann und mit ihnen auch endete, sondern dass da noch mehr sein muss. Ich begreife Jazz als eine Art Virus, ein gutartiger Virus, für den man kein Gegengift braucht. Aber er verbreitet sich durch andere Kulturen und bringt seine speziellen Qualitäten wie die Spontanität, Kommunikation und Kreativität mit sich, die Musiker aus aller Welt nutzen können. Berendt war einer der ersten, die das erkannt haben. Er sah es zum Beispiel als fruchtbar an, wenn Jazzmusiker etwa mit indischen Musikern zusammenarbeiteten. Einer seiner idealen Musiker war in diesem Sinne Don Cherry.

tip Der Avantgardist hat schon früh über den Tellerrand des Jazz geschaut.
Richard Williams Cherry spielte schon früh beim Jazzfest in Berlin, er war aber auch ein Pionier dessen, was man heute als Weltmusik bezeichnen würde. Obwohl er ganz klar aus dem Jazz kam. Ich teile diese Sichtweise, dennoch darf man den afroamerikanischen Kern des Jazz nicht vergessen. Er ist extrem wichtig und wird es immer sein, das ist das Herz des Jazz. Berendt hat sich mit seinen Festivals mehr für die Möglichkeiten als für die Begrenzungen interessiert. Denn Jazz verbreitet sich ständig in alle Richtungen, und ich will, dass das Jazzfest diese Tatsache reflektiert.

tip Sie sind ein Nach-Nach-Nachfolger von Berendt. Kam Ihnen das sofort in den Sinn, als Sie das Angebot aus Berlin bekamen?
Richard Williams Absolut. Ich habe nie zuvor ein Festival geleitet, aber als ich das Angebot bekam, dachte ich, das ist das einzige Festival auf der Welt, das ich leiten will. Weil es sehr konzentriert ist, es sind nur vier Tage, jeder Programmpunkt muss sich also seinen Platz verdienen. Jedes Konzert und jeder Musiker müssen zu der Gesamtheit des Festivals beitragen. Man versammelt nicht einfach nur Künstler und lässt sie hintereinander auftreten. Alles muss stark sein und authentisch und eine Herausforderung. Das ist die Vorgabe dieses großartigen Festivals mit dieser enormen Tradition – auch einer großen Tradition in die Zukunft zu blicken.

tip Sie haben diese vier Tage und mehrere Spielorte zur Verfügung. Wie sind Sie bei der Programmgestaltung konkret vorgegangen, welche Kriterien haben Sie bei der Auswahl der Künstler angewendet?
Richard Williams Im letzten Jahr feierte das Jazzfest 50-jähriges Bestehen. Ich sah das diesjährige Festival, als die erste Ausgabe der zweiten 50 Jahre an. Es ist sehr wichtig, dass es in den nächsten 50 Jahren weiterhin das Jazzfest Berlin geben wird. Deshalb will ich auch neue Hörer erreichen. Ich weiß, dass wir ein wunderbares, treues und kenntnisreiches Stammpublikum haben und ich will es zufriedenstellen, das ist eine absolute Priorität, aber gleichzeitig will ich neue Menschen erreichen, die jünger sind oder in anderen Stadtteilen leben, in Kreuzberg, Neukölln oder Prenzlauer Berg etwa. Ich denke an Leute, die vielleicht in kleine Jazzclubs gehen aber das Jazzfest als eine Institution ansehen, die sie als nicht für sie gemacht empfinden.

tip Wie wollen Sie diese neuen Hörer erreichen?
Richard Williams In dem ich ein provokatives und spannendes Programm mache. Wir wollen nach vorne schauen. Es wird keine Hommagen, Tribute oder Jubiläen im Programm geben. Da ist sehr einfach und oft auch sehr unterhaltsam. In diesem Jahr wäre der hundertste Geburtstag von Billie Holiday und auch von Frank Sinatra. Die Veröffentlichung von John Coltranes Album „A Love Supreme“ jährt sich zum 50. Mal. Man hätte das Festival problemlos mit der Vergangenheit füllen können. Aber neulich sprach ich mit dem jungen Pianisten Robert Glasper und er sagte mir, er gehe nicht mehr in Jazzclubs, weil er keine Lust hat, an den Wänden immer Fotos von toten Männern zu sehen. Überall nur Dizzy Gillespie, Miles Davis oder Louis Armstrong. Ein Museum. Es tötet den Geist!

tip Ist die Geschichte und Tradition nicht gerade für den Jazz von großer Bedeutung?
Richard Williams Natürlich, aber die Vergangenheit muss eine Plattform sein, auf der die Zukunft gebaut wird. Ein Recycling der Vergangenheit ist keine Zukunft.

tip Das Jazzfest 2015 eröffnet mit einem Konzert des Splitter Orchester, das eine Komposition von George Lewis aufführen wird, der wiederum selbst Mitglied in Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra ist, dass erstmals 1966 beim Jazzfest auftrat. Doch ein Blick zurück?
Richard Williams George Lewis ist ein Musiker, der stets nach vorn schaut, er hat zwar eine große Geschichte, aber er wiederholt nicht, was er vor 30 oder 40 Jahren gemacht hat. Wir haben durchaus ältere Musiker im Programm: Charles Lloyd, Keith Tippett oder Louis Moholo-Moholo. Aber keiner von denen wiederholt sich, sie wachsen immer noch in ihrer Kreativität, entwickeln sich weiter. Das war mir wichtig, Leute zu finden, die in die Zukunft schauen. Aus dem Grund finden sich auch sehr viele junge Musiker im Programm, Namen wie Julia Kadel, Cyrli Bondi oder Laura Jurd die dem Publikum nicht unbedingt ein Begriff sein müssen, die sich aber einen Namen machen werden und denen man schon heute zuhören sollte. Zumindest ist das meine Überzeugung.

Splitter Orchester

tip Eine Mischung aus jung und alt, Hauptsache es wird nach vorn geschaut. Die Haltung und Herangehensweise stehen im Fokus. Könnte man so das Festival zusammenfassen?
Richard Williams Im Prinzip. Charles Lloyd wird etwa eine Komposition aufführen, die für sein Quartett geschrieben wurde sowie zwei zusätzliche Spieler. In dem Fall einen ungarischen Musiker, der ein Hackbrett spielen wird und einen griechischen Musiker, der die Lyra spielt. Es geht aber nicht darum, etwas griechischen oder ungarischen „Geschmack“ in den Jazz reinzubringen, es geht um die Verbindung von Folklore und Jazz zu einer neuen Qualität. Lloyd ist jenseits der 70, aber so etwas hat er noch nie gemacht, er bewegt sich immer noch und bleibt kreativ.

tip Griechenland, Ungarn, überhaupt fällt die Internationalität des Programms auf. Wollten Sie die bunte Welt des Jazz zeigen?
Richard Williams Wir haben Musiker aus 30 Ländern. Aber es war nicht meine Absicht, so und so viele Musiker aus so und so vielen Ländern einzuladen. Ich habe einfach versucht, das beste Programm zu gestalten, die Internationalität ist mir dann erst im Nachhinein aufgefallen, und sie freut mich natürlich. Wichtig ist dabei: Auch wenn die Künstler aus verschiedensten Ländern, Kulturen und Traditionen kommen, dass sie in ihrer Musik dem Jazz verpflichtet sind und ihn stets mitdenken. Jazz ist die Grundlage, die Essenz. Selbst wenn die Musik nicht immer so klingen muss, wie man gemeinhin denkt, dass Jazz klingen sollte, aber sie sollte vom „spirit“  des Jazz geleitet sein.

tip Ein vermeintlich klassischer Aspekt des Jazz ist einer der Grundpfeiler des Programms: das Trio. Hier dürfte Jazz dann doch so klingen, wie man denkt, dass Jazz klinge sollte, oder?
Richard Williams Klaviertrios faszinieren mich. In den letzten zehn Jahren hat sich gezeigt, dass diese Formation ein Hort von unglaublicher Kreativität und Abenteuerlust sein kann. Es ist ein altes Format, das Streichquartett des Jazz sozusagen. Die perfekte kleine Gruppe. Doch wie mit dem Streichquartett in der Klassik, das Bach spielen kann oder Bйla Bartуk oder etwas gänzlich abgefahrenes, ist es beim Klaviertrio ebenso. Die drei jungen Trios von Julia Kadel, Giovanni Guidi und Johann Bourquenez, die im A-Trane auftreten werden,haben sehr verschiedene Ansätze. Im Fall der Berlinerin Kadel ein eher klassischer an Bill Evans orientierter und bei Bourquenez und seinem Trio Plaistow eine spannende Auseinandersetzung mit Minimalismus und Trance.

tip Julia Kadel ist Berlinerin, Sie haben auch weitere Musiker aus der Stadt im diesjährigen Programm. Eine Verbeugung vor der hiesigen Szene?
Richard Williams Nicht unbedingt, ich sah Julia Kadel bei einem anderen Festival und fand sie einfach großartig. Ich halte viel von der Idee, Musiker aus Deutschland und speziell aus Berlin bei dem Festival zu präsentieren. Gerne aber auch in besonderen Projekten. Das Splitter Orchester ist schließlich auch eine Berliner Formation. Ein anderes spannendes Projekt ist der Diwan der Kontinente, das die in Berlin geborene, iranischstämmige Sängerin und Komponistin Cymin Samawati mitinitiiert hat. Es ist ein 22-köpfiges Ensemble mit Musikern aus ganz unterschiedlichen Ländern, von Japan und China bis zur Türkei und Indien, die aber alle in Berlin leben. Jazz liefert hier eine Art Struktur, über die sich die verschiedenen Kulturen musikalisch organisieren. Die Verbindung von Festival zu Stadt ist also da, es soll ja nicht nur eine Insel für internationale Stars sein, die hier einfliegen, spielen und wieder verschwinden.

Julia Kadel

tip Ist Berlin eine gute Stadt für den Jazz?
Richard Williams Eine der besten Sachen, die mir passiert sind, seitdem ich den Job angenommen habe und mehr Zeit in Berlin verbringe, ist Musik zu hören. Bei den kleineren Festivals wie XJazz und A’larme oder in den Clubs. Es gibt hier eine fantastische Vielfalt und Qualität. Berlin ist, was die lokale Musikerszene angeht, London recht ähnlich, auch wenn es hier für die Akteure vermutlich etwas einfacher ist, weil die Stadt nicht so teuer ist. Aber das Prinzip ist gleich, die verschiedenen Kulturen die aufeinander treffen, die sich reiben und aus denen Kreativität entsteht, sind einfach aufregend.

tip Dem Genre haftet in der breiten Öffentlichkeit ein angestaubtes Image an. Sie aber sagen, der Jazz hat eine Zukunft?
Richard Williams Die Energie bleibt und wird es auch in der Zukunft geben. Ob es wieder solche großen Namen geben wird, die das Genre die letzten Jahrzehnte überschattet haben, weiß ich nicht. Wird es wieder einen Duke Ellington oder Charlie Parker geben… warum nicht? Ich glaube, dass heute mehr Musik gemacht wird, auch Jazz, als zu irgendeiner anderen Zeit,und ich spreche von wirklich kreativer Musik und nicht dem, was aus dem staatlichen Bildungssystem der USA herauskommt. Jazz hat in jedem Fall eine Zukunft.

tip Und Sie selbst, machen Sie mit dem Jazzfest weiter?
Richard Williams Meine Arbeit in Berlin ist auf drei Jahre ausgelegt. Im ersten Jahr lerne ich, wie man ein Festival organisiert und in den nächsten beiden Jahren werde ich diese Erfahrungen umsetzen. Es wird vermutlich mehr Auftragsarbeiten geben, Kompositionen und Formationen, die eigens für das Jazzfest entstehen. Auch das ist ein Aspekt des Berendt-Erbes für mich: Leute zusammenbringen und Möglichkeiten schaffen, selbst wenn die Sache nicht funktionieren sollte, man muss das Risiko eingehen.

Interview: Jacek Slaski

Fotos:
Jirka Jansch, Kai Bienert, Felix Broede

Jazzfest Berlin Haus der Berliner Festspiele u.a. Orte, 5.-8.11., Alle Termine siehe Kalender und www.berlinerfestspiele.de

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