Konzerte

Interview mit Tiger und Lupus von Kadavar

Interview mit Tiger und Lupus von Kadaver

tip Ihr zählt zu den wenigen deutschen Indie-Bands, die in kurzer Zeit ein weltweites Publikum gefunden haben. Wie erklärt Ihr Euch selbst diesen großen Erfolg?
Tiger?Es hat vielleicht damit zu tun, dass wir uns gleich zu Beginn darauf fokussiert haben, was wir selbst wollen. Danach sind wir ohne große Erwartungen rangegangen, das aber mit aller Gewalt!

tip Damit meinst Du unermüdliches Livespielen?
Tiger?Auch das. Dabei waren wir zu Beginn, 2010 bis Anfang 2012, noch unter dem Radar unterwegs. Als wir aber die erste Platte veröffentlichten, kamen plötzlich Angebote, z. B.: „Wollt Ihr eine Tour durch Osteuropa machen?“. Wir haben bei solchen Gelegenheiten immer gesagt: Machen wir. Im Rückblick waren es seit 2012 über 100 Konzerte pro Jahr, auf drei Kontinenten.

tip Darunter Nord- und Südamerika. Im Gegensatz dazu klingt Eure Bandgründung vor fünf Jahren eher unspektakulär!
Lupus?War‘s auch. Wir hatten anfangs gar nicht vor, eine große Nummer aus der Band zu machen. Wir hatten unseren Kellerraum im Wedding, haben uns getroffen und angefangen zu spielen. Bis das erste Album fertig war, kamen wir vielleicht auf gerade mal zehn Shows. Mit der ersten Platte änderte sich dann alles. Die ist durch die Decke gegangen, zumindest in subkulturellem Maßstab. Mainstream-Medien haben das natürlich nicht hören wollen, weil der Klang vielleicht nicht gepasst hat, weil‘s dreckig war, unperfekt. Aber das waren halt wir.

tip Ihr habt ein Faible für warmen Siebzigerrock nach Black-Sabbath-Vorbild, anfangs noch mit Psychdelic-Passagen, auf dem jüngsten Album nun knapper und eingängiger.
Lupus Bei den neuen Songs haben wir uns auf das Wesentliche konzentriert, Melodien. Und wir haben auf Verbindungen geachtet. Das war früher anders, da hatten wir viele Breaks und Parts, die teils nicht unbedingt zusammen passten. Aber uns waren sie wichtig, teils weil wir es cool fanden, so was spielen zu können! Diesmal haben wir uns mit dem Rotstift hingesetzt und überlegt: Braucht der Song das? Wenn nicht, haben wir Teile rigoros rausgeschmissen.

tip Die Platte heißt „Berlin“. Warum die kleine Verbeugung?
Tiger Es hat sich richtig angefühlt. Wir glauben, dass unsere Bandgeschichte in keiner anderen Stadt hätte passieren können. Es ist der Ort, an den wir alle vor rund fünf Jahren kamen, weil wir etwas suchten und hofften, es hier zu finden. Wir wollten uns musikalisch ausleben, und in den Kleinstädten, aus denen wir kamen (Tiger aus Münster, Lupus aus Eisenach, d. Red.), waren wir an Grenzen gestoßen. Berlin war dann der sprichwörtliche Schmelztiegel, wo alles nebeneinander existiert, man im Nachtleben tolle Leute treffen kann und sich die verschiedenen Szenen nicht untereinander bekriegen. Hier trafen wir später auch Simon, unseren Drummer, der aus Frankreich kommt. Viele der neuen Songs haben mit Berlin zu tun, auch wenn es nicht immer deutlich ausgesprochen wird.

tip Vor kurzem habt Ihr ein Konzert in Paris gespielt. Wie habt Ihr den Auftritt kurz nach den Terroranschlägen erlebt?
Tiger Es war ausgelassene Stimmung, die Zuschauer waren sehr emotional. Am Ende der Zugabe kamen alle auf die Bühne, umarmten uns und bedankten sich – das war überwältigend. Einige Leute erzählten uns, dass sie auch bei der Show im Bataclan waren, manche hatten dort einen ihrer Bekannten verloren. Auch deshalb hatte das Konzert wohl so einen kathartischen Charakter. Wir haben zusammen alle negativen Gefühle rausgelassen, in etwas Positives verwandelt und für einen Moment die Stille, die Angst und die Wut, die so ein terroristischer Akt verbreitet, bekämpft. Das hat uns und das Publikum sehr glücklich gemacht.

tip Hattet Ihr wie so viele Bands überlegt, Euren Pariser Auftritt abzusagen?
Lupus Im Gegenteil, wir wollten diese Show unbedingt spielen. Wir wollten den Leuten in Paris zeigen, dass sie nicht alleine sind und ihnen dabei helfen, ihr Leben nach den Vorfällen weiter zu leben. Das war eine der ersten Rockshows, die in Paris nach den Anschlägen stattgefunden haben. Zumindest gab es einen Riesen-Medienauflauf. Wir hatten uns dafür entschieden, dass Simon – als unser Franzose – etwas sagt und dass alle vier Bands des Abends gemeinsam auf die Bühne gehen, um Geschlossenheit zu zeigen und unsere Anteilnahme. Danach haben wir einfach das gemacht, was wir immer machen, Rock‘n‘Roll spielen.

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Joe Dilworth

Kadavar + The Shrine + Horisont + Satan‘s Satyrs Astra Kulturhaus Revaler Straße 99, Friedrichshain, Fr 18.12., 20 Uhr, ausverkauft

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