In der ausverkauften Uber Eats Music Hall spielte Kraftwerk das erste von zwei Berlin-Konzerten. Es glich einer Versuchsanordnung der Popgeschichte: vier Pulte, keine Kabel, kaum Gesten. Die legendäre Düsseldorfer Formation, mit Ralf Hütter als letztem Originalmitglied, machte auf ihrer „Multimedia Tour“ Station in der Hauptstadt und bot von „Autobahn“, „Computerwelt“ und „Das Model“ bis „Radioaktivität“ und „Tour de France“ eine überwältigende Performance.

Kraftwerk in Berlin: Die Multimedia-Show läuft ab dem ersten Takt auf Hochtouren
Gelbe Pixelmännchen erscheinen um zehn vor acht auf der Leinwand, stilisierte Kraftwerker. Atonale Spacesounds erklingen. Vier Pulte stehen leer auf einer Bühne, die so vollkommen kabel- und technikfrei ist, dass man sich unwillkürlich fragt, ob das hier überhaupt ein Konzert der legendären Pioniere der elektronischen Popmusik wird oder eher eine Vortragsveranstaltung.
Punkt 20 Uhr spuckt die Retro-Computerstimme einzelne Wörter aus: „Mensch“, „Maschine“, „Kraftwerk.“ Ein Countdown läuft. 1 bis 8. Dann treten sie an, vier Männer in leuchtdiodengrünen Anzügen, Werkbankästhetik, aufgeräumte Präsenz. Den meisten Menschen im Publikum vermutlich namentlich nicht bekannt – bis auf Mastermind Ralf Hütter. Die Multimedia-Show läuft ab dem ersten Takt auf Hochtouren: Videoprojektionen werfen Zahlenkolonnen auf die Leinwand, 1980er-Touch, so dass die Zukunft immer ein bisschen auch nach Vergangenheit aussieht. Und während sie da stehen, reglos, wird schnell klar, was Kraftwerk seit Jahren vorführen: dass die leibhaftige Produktion im Kontext zweitrangig ist. Das Endprodukt genügt. Es ist eine Übereinkunft mit der Außenwelt: Wir liefern Perfektion, ihr liefert Projektion.
Vielleicht spielen sie jeden Beat, jeden Melodiebogen, jedes Quäntchen elektronischen Sound auch live, genauso lässt sich denken, dass diese vier Menschen keinerlei Einfluss auf den Ablauf der Show haben. Nicht, weil sie es nicht könnten – sondern weil das Konzept es gar nicht erfordert. Im Prinzip ist es irrelevant, was wer auf der Bühne macht (und ob überhaupt): Kraftwerk hat längst die Welt der gewöhnlichen Musikbands verlassen und funktioniert nach ganz eigenen Gesetzen. Das statische Layout, die perfekte Synchronisation von Klang und Bild, nichts ist dem Zufall überlassen.
Tanzen will niemand
„Computerwelt“ kommt früh am Abend – Daten, FBI, Deutsche Bank, BKA. Die Anzüge leuchten gelb, Einsen und Nullen zieren das Podest, auf dem das Quartett steht. Auf binärem Code ist die digitalste aller deutschen Musiklegenden errichtet – das Bild stimmt. Keine Sekunde lang biedern sich Kraftwerk an zeitgenössische Moden oder Ästhetiken an, weder im Sound noch in der grafischen Spiegelung der Stücke. Diese Konsequenz ist ihre größte Gegenwärtigkeit: Zeitlosigkeit nicht als Flucht, sondern als Methode – clean, perfekt, aseptisch. „Vor meinem Computer sitz ich hier, programmier die Zukunft mir“ – wenn dieser Satz nicht ohnehin schon im Raum stünde, man müsste ihn erfinden. Die Paten der elektronischen Tanzmusik legen Zeugnis ab von Klangproduktion höchster Güteklasse. Und doch: Tanzen will niemand.
Dafür geht es hinaus ins Weltall, Satelliten und Landkarten erscheinen. Der Google-Earth-Pfeil zeigt auf Berlin, lautlos schwebt das Cockpit durch die Erdumlaufbahn. Kraftwerk verweisen immerzu auf Zukunftswelten – wie die Futuristen ziehen sie aus der Beschäftigung mit dem Kommenden Schlüsse für die Gegenwart. Ein UFO fliegt über der gezeichneten Berliner Skyline. Eigentlich müssten sie in 200 Metern Höhe auftreten, in Tim Raues Sphere-Restaurant im Berliner Fernsehturm. Dort träfen dann DDR-Futurismus und Düsseldorfer Moderne auf Berlins höchster Drehbühne aufeinander. Wie wunderbar wäre das?!

Die großen Hits folgen etwas später. Der Applaus unterbricht nur für Sekunden das perfekt choreografierte Programm. Trackwechsel werden durch die visuellen Einfärbungen markiert; zuweilen gleichen die Grafiken überdimensionierten Bildschirmschonern, die auf Klang reagieren. Schön anzusehen sind sie trotzdem. Technoides Tschktschk, synthetisierte Hi-Hats, pulsierende Tonkaskaden aus dem Sequenzer, modulierte Melodien – alles folgt einer kosmischen Mathematik. „Ich bin der Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand“ – der an sich komische Satz wird so plötzlich zum Manifest.
Nach einer halben Stunde ertönt dann die „Mensch-Maschine“, konstruktivistisches Rot-Weiß flutet den Raum, Linien und Quadrate hüpfen über die Leinwand, als wäre Kandinsky nie gestorben. „Machine. Machine. Machine.“ Man sieht die Arbeiter aus Fritz Langs „Metropolis“ vor dem inneren Auge marschieren. Wie Hammerschläge dröhnen die Synthesizer den Rhythmus der Zukunftsarbeit. Was würde Karl Marx wohl über Kraftwerk denken? Die Massen jubeln jedenfalls.
Im nächsten Track, „Electric Cafe“, wird Malewitschs schwarzes Quadrat zitiert. Worte schleudern durch den Raum: „Atomik. Musik. Kultur. Physik. Dynamik“, später auch „Figura Ritmika“. Dada-Avantgarde oder Gottfried Benn? Die verinnerlichten Strömungen der Kunstgeschichte sind hier mehr als ein Referenzspiel, sie sind DNA des Kraftwerk-Konzepts: der Stoff, aus dem elektronische Träume sind. Kraftwerk sind längst selbst ein Kunstwerk – ein Gesamtes – dass (nicht ganz) zufällig auch Hits hervorgebracht hat.
Der „Autobahn“-Refrain driftet sacht ins Schlagernde ab
Etwa „Autobahn“, vertrautes Blau hüllt den Raum ein, das Logo der deutschesten aller Erfindungen erscheint, romantische Harmonien ertönen, der Refrain, der sacht ins Schlagernde abdriftet. Man wünscht sich einen roten Porsche 911 und die leere A2 bei Porta Westfalica. Im Video braust jedoch ein VW Käfer mit dem Kennzeichen „D:KR 70“ durchs Bild. So weit reicht die Geschichte von Kraftwerk zurück, ins Jahr 1970 und in die selige BRD-Gegenkultur, zum Krautrock und wieder zurück. Ein nostalgischer Moment.
Um 21.09 Uhr spricht Ralf Hütter doch die ersten Worte zum Publikum
Dafür klingt „Computerliebe“ heute aktueller als 1981, dem Jahr der Entstehung. Einsamkeit und Sinnesleere vor flackernden Bildschirmen sind im 21. Jahrhundert allgegenwärtig. Damals hing man vor Fernsehern, heute aber gibt es Doomscrolling, Internetpornografie und entfremdetes Tindern. Kraftwerk waren klanglich und inhaltlich immerzu ihrer Zeit voraus. Nicht ohne Grund inspirierten sie einst David Bowie, Depeche Mode und die Detroiter Technoszene, und sie inspirieren bis in die Gegenwart ungezählte Bands, DJs und Produzenten. Dabei widerspricht das Konzert jeglichen Grundregeln des Showgeschäfts. Der fast komplette Verzicht auf Interaktion mit dem Publikum hat seinen Reiz. Das zur Schau gestellte Fehlen jeglicher Empathie gleicht den mondänen Models, die im größten aller Kraftwerk-Hits in kühler Eleganz über den Dingen zu schweben scheinen.
Um 21.09 Uhr dann doch die ersten Worte. Ralf Hütter erinnert an die Japan-Tour 1981 und die Begegnung mit Ryuichi Sakamoto und an die Freundschaft, die ihn seither mit dem japanischen Komponisten verband. Kraftwerk spielen eine melancholisch ergreifende, aber sehr kurze Version von „Mr. Lawrence“ – eine Verbeugung vor dem im März 2023 verstorbenen Freund. Kaum hat man sich an die Wärme gewöhnt, kippt die Situation in eine grelle, basslastige „Radioaktivität“ – Tschernobyl, Harrisburg, Hiroshima. Orte des Schreckens. Die japanischen Worte dazu stammen wiederum von Sakamoto.
Kraftwerk sind eine Band der Topical Songs. Bei ihnen geht es immer um etwas Konkretes. Hier sind Nuancen nicht vorgesehen, selten handeln die Texte von Gefühlen, fast nie geht es um Zwischenmenschliches – lieber um Vitamine ABCD, Züge, Autobahnen oder die Faszination Rennradsport. Das Songbook ist eher ein Wissenschaftsmagazin denn ein Gedichtband. Aber genau daraus, aus den vermeintlich trockenen Themen, eine Herz und Kopf öffnende Musik zu schaffen, ist ihre einmalige Leistung.

Um 21.40 Uhr fährt der „Trans Europa Express“ ab. Linearer Drang nach vorn, Geschwindigkeit, Verbindung, all das fließt noch einmal in diesem großen Stück zusammen. Die Bahn als utopisches Element – angesichts realer Zustände, in denen sich der bundesdeutsche Schienenverkehr befindet, schwer nachvollziehbar. Aber Kraftwerks Schienennetz lässt sich von den Misslichkeiten der Tagesaktualität nicht beeindrucken. Ihr Zug kommt immer zur richtigen Zeit.
„Musique Non Stop, Techno Pop, Elektroklänge überall“ – Luftlinie wohl keinen Kilometer vom Berghain entfernt. Das hat eine schöne lokale Verbindung. Um 22 Uhr tritt Kraftwerker Nummer eins mit kurzer Verbeugung von der Bühne. Im Minutentakt folgen die anderen. Am Ende steht Ralf Hütter alleine vor seinem Pult. „Musique Non Stop.“ Der Sound geht immer weiter. Kraftwerk für immer. Dann geht auch Hütter unter tosendem Applaus. Viel Zeit ist vergangen, seit er 1970 in Soest langhaarig auf der Hammond-Orgel improvisierte. Das Internet erinnert sich doch. Die Zugabe wieder in Rot: „Die Roboter“. Was sonst.
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