Lady Gaga gab am 4. November das erste von zwei Berlin-Konzerten in der Uber Arena, am 5. November folgt Runde zwei. Ihre Show ist ein Dark-Pop-Ereignis der Superlative. Unsere Konzertkritik.

Lady Gagas „Mayhem Ball“: Ein wilder Ritt
Die Halle ist in rotes Licht getaucht, auf der Bühne lässt sich eine Art Opernhaus-Setting erahnen. Auf der Leinwand darüber sehen wir Lady Gaga, die mit einer roten Feder bedächtig schreibt. Und schreibt. Und schreibt. Die Menge wird langsam unruhig in der Uber Arena, manche holen sich doch noch schnell ein Getränk, andere schießen Selfies im glitzernden Outfit. Einen Support-Act gibt es nicht beim „Mayhem Ball“, Lady Gagas Show zu ihrem aktuellen Album, mit der sie gerade auf Welttournee ist.
Auf einmal Jubel. Wer gerade noch ein wenig ungeduldig auf dem Handy gescrollt hat, blickt hastig auf: Die Lady Gaga auf dem Screen da oben hat ihre Feder niedergelegt. Es wird dunkel in der Halle.
Dann entfaltet sich ein wahrhaft spektakuläres Bild: Die US-Sängerin betritt den Saal, nein, sie wird hineingefahren in einem riesigen, etwa vier Meter hohen Reifrockkleid. Nach einigen Augenblicken wird der Vorhang zurückgezogen und enthüllt unter dem Rock ein gigantisches Käfigkonstrukt, in dem sich ihre Tänzer:innen befinden – kurz darauf wird auch sie selbst darin eingeschlossen. Diese eindrucksvolle und zugleich völlig überzogene Inszenierung setzt sofort den Ton für den Abend: Die Choreografie gleicht einem apokalyptischen Maskenball, der in einem grotesken Schachduell während „Poker Face“ gipfelt.

Zweieinhalb Stunden macht Lady Gaga in Berlin ihre „Little Monsters“ glücklich
Als Stefani Germanotta als Lady Gaga 2008 mit ihrer Debütsingle „Just Dance“ in die Charts schoss, schien sie aus einer anderen Galaxie zu kommen: Ihre Bowie-ähnlichen Gesichtsdekorationen und extravaganten Auftritte ließen den Exzess früherer Popidole wiederaufleben. Mit „Mayhem“ ist Lady Gaga zurückgekehrt zu ihren elektronischen Dance-Pop-Wurzeln, mit denen sie einst berühmt wurde. Diese Show ist ein Reminder, dass Lady Gaga in der Popwelt noch immer die unangefochtene Meisterin eines bizarren Spektakels ist. „Mayhem“ – Chaos, Durcheinander – der Name ist Programm. Ihre Berliner Fans haben lange gewartet: Das letzte Gaga-Konzert in der Hauptstadt gab es 2014 (!), 2018 musste ihre Show aus gesundheitlichen Gründen abgesagt werden.
Der „Mayhem Ball“ dauert rund zweieinhalb Stunden und umfasst etwa 30 Songs – mal in veränderter, mal gekürzter Variante. Eine monumentale Pop-Oper zwischen Club-Ekstase und düsterem Theaterspektakel, unterteilt in mehrere Akte. Ständige Kostümwechsel und Veränderungen im Bühnenbild natürlich inklusive; mehr Camp, mehr Exzess geht kaum. Die Show inszeniert Gagas inneren Kampf zwischen Licht und Dunkelheit.
Zwischen Frankenstein-Ästhetik und Regenbogen
Im zweiten Akt („And She Fell into a Gothic Dream“) entführt Gaga das Publikum in ein makabres Traumreich. Sie erhebt sich aus einem Sandgrab, umgeben von Skeletts, die sich als Tänzer:innen entpuppen, und performt „Perfect Celebrity“, „Disease“ und „Paparazzi“ in einer Mischung aus Horror und Glamour. Der Akt endet mit „The Beast“, einem rockig-epischen Gitarrensolo, das sie als dunkle Priesterin des Pop inszeniert. Akt III enthält Performances zu „Killah“, „Zombiebody“ oder „The Dead Dance“, dargeboten in einem schwarzen, rosengeschmückten Tudor-Kleid vor einem überdimensionalen Schädel – Totentanz.
In „Akt IV: Every Chessboard Has Two Queens“ wird es emotional. Mit dem Titeltrack ihres zweiten Albums „Born This Way“ (2011) wurde Lady Gaga damals zur Ikone der queeren Community: „No matter gay, straight, or bi / lesbian, transgendered life / I’m on the right track baby / I was born to survive.“ Der Song wurde nicht nur zum Hit, sondern zur Hymne der Selbstliebe – und Lady Gaga zur „Mother Monster“, wie sie vor allem von ihren queeren Fans liebevoll genannt wird. Damit reihte Gaga sich ein in eine lange Tradition weiblicher Popstars, die zu Ikonen der queeren Kultur wurden – von Cher über Diana Ross bis Madonna.
So erreicht auch der Abend in der Uber Arena einen seiner emotionalen Höhepunkte, als die ersten Takte von „Born This Way“ erklingen. Kurz zuvor wird ein langer, weißer Schleier in einen Regenbogen verwandelt, der durch die ganze Halle strahlt, und Gaga richtet ein paar Worte an ihre queeren Fans, die erste richtige Publikumsansprache, die sie bis zu diesem Zeitpunkt gibt: „Ihr habt mich immer inspiriert! Ihr seid so besonders, so wunderschön. Für mich, und für die ganze Welt!“ Die Menge kreischt, Pride-Flags wehen in der Halle.

Am Klavier kommt Lady Gagas Stimme wirklich zur Geltung
Dann setzt sich Gaga ans Piano, um Akustik-Versionen zu performen. Bei „Die with a Smile“ kämpft sie sichtbar mit den Tränen: „Ich bin so glücklich, hier zu sein, danke, danke so sehr“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Dann richtet sie sich direkt an eine besondere Person im Publikum: ihre langjährige Freundin und frühe Wegbegleiterin DJ Lady Starlight, die sie unter ihrem bürgerlichen Namen Colleen begrüßt. Gaga erzählt, wie sehr Starlight an sie geglaubt habe, als sie noch eine unbekannte Künstlerin in Downtown New York war – „ich war damals alles andere als cool, und sie war so freundlich zu mir“, erinnert sie sich.
Mit feuchten Augen widmet sie ihrer Freundin die nächsten Songs, „The Edge of Glory“ und „Marry the Night“ – zwei Hymnen auf das Durchhalten und ihre gemeinsame Zeit im Nachtleben New Yorks. Ein seltener, sehr menschlicher Moment inmitten all der bombastischen Inszenierung. Und während man sich an anderen Stellen der Show nicht sicher ist, wie viel von Gagas kraftvoller Stimme nicht gerade doch vom Band kommt (zumindest bei den intensiveren Tanzeinlagen dürfte der Backing Track ihr einiges an Arbeit abnehmen), kommt ihr Gesang in diesen reduzierten Piano-Versionen voll zur Geltung.
Ein besonderes Finale
Bei „Vanish into You“ steigt Gaga in den Bühnengraben und gibt Autogramme. Schließlich folgt das große Finale: „We are monsters, and monsters never die!“, schreit Gaga. „Bad Romance erklingt, dazu Tänzer in venezianischen Pestdoktoren-Masken, Gaga ganz in Weiß – morbide. Der Abspann läuft, das Bühnenbild „brennt“ – ein sinnbildlicher Untergang.
Die ersten verlassen schon die Halle, doch (Achtung, Spoiler!) es lohnt sich, noch einen Augenblick zu bleiben. Schließlich taucht Gaga auf der Leinwand wieder auf: Hinter der Bühne schminkt sie sich gerade ab und stimmt „How Bad Do U Want Me“ an. Singend kehrt sie zum Publikum zurück, ohne Make-up, mit Mütze statt Perücke, und steht schließlich ganz allein auf dieser großen, plötzlich fast hell erleuchteten Bühne. Ein unerwartet intimer Abschluss nach dem Exzess.
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