Konzerte

Lollapalooza 2015

Lollapalooza 2015

Die Neunziger, was ist von ihnen geblieben? Perry Farrell auf jeden Fall. Seine Bands Jane‘s Addiction, Porno For Pyros und Satellite Party haben sich zwar nie lange gehalten, aber mit dem Lollapalooza hat er ein Festival entwickelt, das einfach nicht totzukriegen ist. Die Erklärung dafür ist einfach. Farrell ging es nie darum, sattsam bekannte Helden des Rock nur dem Namen nach zu versammeln. Es ging ihm um Aktualität und Abwechslung. Im Premierenjahr 1991 waren neben Jane‘s Addiction auch Siouxsie & The Banshees, Morrissey, Nine Inch Nails, Ice-T und Violent Femmes im Wanderzirkus-Modus in mehreren Städten der USA und Kanadas zu sehen. Fünf Jahre später zog sich Farrell aus der Veranstaltercrew zurück, nachdem er erfahren hatte, dass ausgerechnet Metallica als Headliner verpflichtet wurden. Diese Band war für ihn ein veritables Rock-Monster mitten aus dem Mainstream. Das Lollapalooza erschien für ihn dadurch plötzlich konservativ, verlor prompt an Bedeutung und fand schließlich einige Jahre nicht mehr statt. Ein Ende für alle Zeiten war es aber nicht. 2005 veranstalteten Farrell und neue Geschäftspartner das Lollapalooza zum ersten Mal an zwei Tagen an einem festen Standort, dem Grant Park in Chicago. Seitdem läuft es dort ohne Unterbrechung. Der derzeitige Deal mit der Stadt gilt bis 2018. In den letzten Jahren gab es das Festival darüber hinaus auch in Chile, Brasilien und Argentinien.
Europa fehlte bisher auf dem Lollapalooza-Spielplan, aber das ist nun auch vorbei. Farrell hat sich als ersten Schauplatz Berlin ausgesucht, weil er schon im Jahr 2001, während der Promotion für sein Soloalbum „Song Yet To Be Sung“ von seinem Besuch in der Stadt sehr angetan war. „Es ist spannend zu sehen, wie sich Berlin neu erfindet. Man merkt schnell, dass die Kunst hier zu Hause ist“, sagte er damals. Von genau dieser Kunst möchte er jetzt so viel wie möglich auf dem Festival präsentieren. Musik sei für ihn nur ein Teil des Gesamterlebnisses. Street Art und Mode sind ebenso eingebunden, dazu kann man sich im sogenannten „Grünen Kiez“ über die Arbeit von sozialen und ökologischen Initiativen informieren. Es wird auch ein Programm für Kinder mit eigener Bühne entwickelt, Familien sind mit ihrem Nachwuchs auf dem Lollapalooza immer hochwillkommen. Aber man muss sich da natürlich nichts vormachen: Der überwiegende Teil der Besucher wird einzig und allein wegen der Musik zum Airport pilgern. Für echte Fans ist es schwer, im Line-up nicht mindestens zwei oder drei persönliche Lieblinge zu entdecken. Auch Alternative Rock ist noch dabei, wird im Grunde aber nur noch von den bombastischen Radiohead-Kopisten Muse repräsentiert. Auffällig ist, dass man sich erfolgreich um lokales Kolorit bemüht hat. Mit Seeed und den Beatsteaks treten zwei der großen Berlin-Bands der Gegenwart auf. Damit kann man nichts falsch machen, was man auch daran erkennt, dass der zweite Veranstaltungstag mit diesen Gruppen als erstes  ausverkauft wurde.
Neben den oft auf Festivals zu sehenden Deichkind gesellt sich aus dem nationalen Repertoire auch der DJ und Produzent Felix Jaehn dazu. Über ihn wurde zuletzt sintflutartig berichtet, weil er mit seinem „Cheerleader“ den Spitzenplatz der amerikanischen Charts erreicht hat. Beim Lollapalooza erwartet den 21Jährigen ein für House-Künstler ungewöhnlich früher Auftritt um 13.30 Uhr. Den Spättermin überlässt man lieber Fatboy Slim, der 2010 am Flughafen für so großen Andrang gesorgt hat, dass das damals dort stattfindende Berlin-Festival abgebrochen werden musste. Wenig Zustrom ist auch dieses Mal nicht zu erwarten, da parallel auch noch The Libertines ihr neues Album „Anthems For Doomed Youth“ vorstellen werden. Zudem findet später der Auftritt von Macklemore & Ryan Lewis statt. Mit diesem Pop-Rap-Duo steckt man schon sehr in einem Mainstream drin, den man bei Lollapalooza eigentlich immer abgelehnt hat. Aber was ist schon dabei? Im Gegensatz zum Berlin-Festival, bei dem man stur an nerdigen Indie- und Electro-Acts festgehalten hat, geht es bei Lollapalooza in die Vollen. So selbstbewusst wird  man nach bald 25 Jahren im Showgeschäft.     

Text:
Thomas Weiland

Fotos:
Lollapalooza

Flughafen Tempelhof
Platz der Luftbrücke 5, Tempelhof, Sa 12.9. + So 13.9., 12 bis 23 Uhr, ausverkauft

Programm: www.lollapalooza.com

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