Nutze deine Stimme: Patti Smith spielte in der Zitadelle Spandau
Die Patin des Punk und der Poetry, Ikone der New Yorker Coolness, engagierte Künstlerin und charismatische Hippie-Schamanin: Patti Smith. Längst ist sie ein Rockstar, vielleicht der größte weibliche Rockstar ihrer Generation. Am verregneten Freitagabend gab sie gemeinsam mit ihrem Quartett ein inspirierendes und berührendes Konzert in der Zitadelle Spandau.

„Erhebe deine Stimme, kämpfe für die Natur“, sagte Patti Smith
„Erhebe deine Stimme, kämpfe für die Natur“, sagte Patti Smith ziemlich am Anfang des Konzerts. Kurz vor 20 Uhr erschien sie in legerem Boheme-Schwarz, mit Pudelmütze und Brille auf der Bühne, das lange Haar zu Zöpfen geflochten. Hinter ihr rockte gut eingespielt und professionell-entspannt ihr Quartett, zu dem seit vielen Jahren auch ihr Sohn, der Gitarrist Jackson Smith, gehört. Erhebe deine Stimme. Dann die berühmte Anfangszeile von „Ghost Dance“, jenem Song, den sie 1978 in Gedenken an den Stamm der Hopi schrieb: „We shall live again, we shall live.“
Die Zitadelle Spandau schien trotz Schmuddelwetter bis auf den letzten Platz gefüllt. Es gab eine Zeit – das ist noch gar nicht lange her –, da spielte Patti Smith, wenn sie nach Berlin kam, in einer Stadt, in der sie unter anderem eine Freundschaft mit dem Aktionskünstler und Theaterrevolutionär Christoph Schlingensief pflegte, in der Passionskirche oder der Apostel-Paulus-Kirche. Mittlerweile ist sie zur treuen Freundin des Citadel Music Festivals geworden und tritt vor Tausenden und nicht mehr Hunderten auf.
Vor wenigen Wochen stand auf der gleichen Bühne der Punk-Protagonist Iggy Pop, der das Genre mit vollem körperlichen Einsatz auf den Weg schickte. Einige Jahre später hauchte die New Yorker Poetin Patti Smith dem wild-ungestümen Rock’n’Roll den Geist ein. Ein schöner Bogen – und man wünschte sich, Lou Reed würde noch leben. Vor vielen Jahren spielte auch er hier in der Zitadelle, auch bei Regen.
„1959“, ein Song aus dem Jahr 1997, ist die Reflexion über ein Jahr, in dem Patti Smith, damals zwölf Jahre alt, beeindruckt war von den geschmeidigen Straßenkreuzern mit den schnittigen Haifischflossen. Diese Erinnerungen paarte sie mit dem damaligen Überfall Chinas auf Tibet, der Flucht des jungen Dalai Lamas nach Indien und der Verfolgung der Beat-Dichter wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs durch die US-amerikanische Zensur.
In gewisser Weise kommen in „1959“ Smiths große Themen zusammen.
In gewisser Weise kommen in „1959“ Smiths große Themen zusammen: die USA als Symbol der Freiheit, das Politische und Spirituelle, und das Wissen um die subkulturellen Ahnen, auf deren Leistung auch ihr Werk gründet und die sie in ihrer langen Karriere immerzu würdigte. Ob Jim Morrison oder Jimi Hendrix, ob Bob Dylan oder Jack Kerouac – immer wieder sprach und sang sie von diesen meist männlichen Protagonisten der US-Gegenkultur und heute längst global verehrten Großkünstlern.
So fügte sich auch ihre Hommage an den bärtigen Derwisch und umtriebigen Dichter – den größten vielleicht, den die USA im 20. Jahrhundert hatten –, mit dem sie auch eine Freundschaft verband. Allen Ginsbergs Worte musste sie ablesen: „Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy! Holy!“, so beginnt „Footnote to Howl“, eine Ode an den Geist, Körper und die Subkultur, ein Gebet und eine Aufzählung: „Holy Peter holy Allen holy Solomon holy Lucien holy Kerouac holy Huncke holy Burroughs holy Cassady holy the unknown buggered and suffering beggars holy the hideous human angels!“.
Ein erhebender Moment – und das beseelte Publikum feierte dieses jahrzehntelange Gedicht des schwulen, jüdischen Dichters. Die Altrocker genauso wie die queeren Pärchen, die vielen jungen Frauen, die gekommen sind, ebenso wie vermutlich auch Wim Wenders, der im schnittigen Regenponcho erschien, unter dem er eine halbe Filmcrew hätte verstecken können, oder der alte Grünen-Minister und Dosenpfand-Einführer Jürgen Trittin, der wohl ohne politische Hintergedanken in neongrünem Regenjäckchen kam.
Später noch widmete sie einen Song Johnny Cash und Charles Baudelaire, einmal schnallte sie sich eine Gitarre um und jammte mit der Band, die mehr nach dem Sound der West Coast in den frühen 1970er-Jahren klang denn nach New Yorker Punkkellern. Smith sprach von der Natur, vom Vollmond und dem Regenbogen, den sie am Tag zuvor in Berlin gesehen hatte. Sie schien erfüllt von Dankbarkeit, verlor bei neueren Songs den Faden, holte den Text vor, setzte ein weiteres Mal an. Etwas kauzig, sehr charmant.
Bei ihren großen Hits war sie wieder voll da – zu oft hat sie „Pissing in a River“, „Dancing Barefoot“ oder „Because the Night“ schon gesungen. „Raise your arms, fight for the nature, use your voice“, ruft sie in die Menge. Nutze deine Stimme – für die Kunst, die Dichtung, die Natur, für eine bessere Welt. Sie tut es ihr Leben lang, das ist gewiss: die Stimme nutzen. Doch Patti Smith will inspirieren und etwas bewirken, das mehr sein kann als (nur) ein schönes Konzert. Zum Abschluss singt sie „People Have the Power“ und wirft diese Hymne einer Welt entgegen, in der gerade Leute wie Donald Trump das Sagen haben. Vielleicht sollte man sich also manchmal an Smiths Worte erinnern: „People have the power. We have the power…“
Mehr Musik
Wilde Hühner, böse Hasen – Zsá Zsá geht mit „bad bunnies“ viral. Unsterblich für einen Abend: So war das Konzert von Queens of the Stone Age in der Zitadelle Spandau. Herzlichen Glückwunsch: Berlins coolstes Underground-Pop-Label Mansions and Millions feiert Geburtstag. Sie hingegen feiert die lesbische Liebe: Die Berliner Rapperin Ebow im Porträt. Männlich dominierte Festival-Line-ups: „Dass keine Frau dabei ist, fällt oft nicht mal auf“, sagt Rike van Kleef, die die erste Studie zur Repräsentanz auf deutschen Festivalbühnen durchgeführt hat. Die mächtigste Frau in der deutschsprachigen Musikbranche ist Berlinerin: Wir haben Spotify-Chefin Conny Zhang zum Interview getroffen. „Das Album ist eine Liebeserklärung an Berlin, vielleicht noch mehr als das erste“, sagt Paula Hartmann. Wir trafen sie kurz vor der Veröffentlichung von „kleine Feuer“ zum Interview. Bloß nicht verpassen: Unsere Konzerte der Woche und die schönsten Festivals in und um Berlin.