Konzertkritik

Pet Shop Boys in Berlin: Seit 40 Jahren der Goldstandard des Pop

Während Englands Fußball-Elf sich mit Mühe und Not ins Halbfinale schoss, triumphierten die Pet Shop Boys gleichzeitig in der Uber Arena. Im Rahmen ihrer „Dreamworld“-Tour feierte das englische Synthie-Duo vier Jahrzehnte feinster Pop Musikproduktion. Neil Tennant und Chris Lowe setzen seit jeher die Standards für perfekte Hits und präsentierten in Berlin eine grandiose Show. 

Neil Tennant und Chris Lowe von den Pet Shop Boys live bei einem Konzert der "Dreamworld: The Greatest Hits Live"-Tour. Foto: U. Stamm/Future Image/Imago
Neil Tennant und Chris Lowe von den Pet Shop Boys live bei einem Konzert der „Dreamworld: The Greatest Hits Live“-Tour. Foto: U. Stamm/Future Image/Imago

Die Pet Shop Boys sind der Index für Qualität von Popmusik

Pet Shop Boys, das ist mehr als ein Bandname, respektive der Name, unter dem sich das aus Neil Tennant und Chris Lowe bestehende Duo 1981 in London verpasste, um Songs zu produzieren, die zwischen Melancholie und Euphorie genauso oszillieren wie zwischen hedonistischer Lebensbejahung und sozialkritischem Bewusstsein. Elektronische Kompositionen, rhythmisch und tanzbar aber immer auch mit einem Hang zur großen Popgeste, so lautet das Erfolgsrezept und so sind die Pet Shop Boys mehr als eine Band, sie sind eine Qualitätsbezeichnung. Ähnlich wie Rolex oder Rolls Royce, wie maßgeschneiderte Herrenanzüge von der Savile Row oder japanische Küchenmesser, so indizieren die Pet Shop Boys die Qualität von Popmusik.

Ein Duo, das quasi serienmäßig Hits vom Stapel lässt: „Where the Streets Have No Name (I Can’t Take My Eyes Off You)“, „Suburbia“, „It’s a Sin“ und „Heart“ verkauften sich millionenfach, die Videos dazu liefen einst auf MTV rauf und runter, prägten die Remix- und DJ-Kultur und überhaupt die elektronische Clubmusik. Kein Wunder, dass sich Tennant und Lowe zumindest zwischenzeitlich auch ein Berliner Domizil zugelegt haben. Am guten Wetter in der Stadt wird es nicht gelegen haben. Die Nähe zu den Clubs wie Berghain dürfte die beiden Superstars interessiert haben, die produktionstechnisch bis zuletzt auf der Höhe der Zeit geblieben sind. Ihr aktuelles Album „Nonetheless“ (2024) entstand in Kooperation mit dem Produzenten James Ford, der schon mit den Gorillaz und den Arctic Monkeys gearbeitet hat.

So beginnt der gut zweistündige Auftritt der Pet Shop Boys in Berlin: Eine perfekte Machtdemonstration

In Berlin machten sie in der ausverkauften Uber Arena Station. Die Tour heißt „Dreamworld: The Greatest Hits Live1“, der Titel ist Programm. Auf gewaltigen Videoleinwänden schlängeln sich retrofuturistische Grafiken entlang, Tennant und Lowe tragen skurrile Masken, Lichter pulsieren, dazu erklingen die Synthiebeats von „Suburbia“. So beginnt der gut zweistündige Auftritt. Eine perfekte Machtdemonstration. Während Lowe stoisch quasi die gesamte Zeit an seinem Keyboard-Pult steht und die Tasten bedient, sorgt Tennant für die Show. Mal sieht er aus wie ein feiner britischer Gentleman auf dem Weg zu einer Partie Bridge, mal wie der freundliche Diktator eines technoiden Zukunftsstaats.

Mit der hohen dringlichen Stimme erfüllt er die gewaltige Arena, die Halle ist zwar komplett bestuhlt, doch ab dem ersten Song steht das Publikum. Das Bühnenbild besteht aus zwei überdimensionalen Straßenlaternen, doch das visuelle Spektakel sind die Lichteffekte. Am Ende ist aber alles der Sound. Der totale Sound der Pet Shop Boys.

Es folgen schon früh der äußerst kluge Hit „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ anschließend „Left to My Own Devices“, der die Anwesenden in die Seligkeit der späten 1980er-Jahre beamt, zu „Domino Dancing“ liefert Tennant die Entstehungsgeschichte ein, die relativ plausibel erscheint. Die beiden machten Urlaub in der Karibik, dort war es zwar wunderschön, aber auch etwas langweilig, also spielten sie abends mit einem Freund im Domino. Der Freund gewann die meisten Partien und nach jedem Sieg gab es ein Freudentänzchen. 

Pet Shop Boys – It’s A Sin (Official Video)

Mehrere Medleys, extended Versions der gut bekannten Radio-Edits der Songs sowie Einlagen einer Liveband, die sich hinter den Videowänden versteckt, die gelegentlich hochgefahren wurden, erweiterten den Klangraum. Altgediente Fans behaupten, die Pet Shop Boys wären zurzeit auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft. Die Behauptung kann man getrost gelten lassen.

Das große Finale des Abends besteht aus „Go West“ zu dem dokumentarische Filmszenen der Gay-Pride-Bewegung in San Francisco der 1970er-Jahre projiziert werden, anschließend dem Superhit „It’s a Sin“, der in ein strenges grafisches Muster aus Rot, Weiß und Schwarz getaucht ist und als letzte Zugaben „West End Girls“ und „Being Boring“. Aber das sind die Pet Shop Boys nie. Niemals langweilig.


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