Konzertbericht

Radiohead in Berlin: Avantgarde zum Mitklatschen

Radiohead geben sich bei ihrem großen Comeback als avantgardistische Sound-Tüftler. Trotz aller Frickelei ist das Konzert in Berlin eine Show für die Massen.

Thom Yorke von Radiohead zwischen den psychedelischen Projektionen, die das Konzert in der Uber Arena zum audiovisuellen Spektakel machen. Foto: Alexander Lake

Tanz-Choreographien, Laufstege und Feuershows sind für Pop-Stars, Radiohead spielen lieber in einer Manege zwischen Modular-Synthesizern, Effekt-Pedalen und Kuriositäten der experimentellen Klangmanipulation. Ohne die riesigen Wandelemente, die sich das gesamte Konzert über arrhythmisch auf und ab bewegen und die Band in einen Fiebertraum hüllen, könnte man meinen, man schaue in die Studiogarage der Kölner Krautrock-Pioniere von Can.

Allein über das Equipment könnte man eine musikwissenschaftliche Arbeit verfassen. Die Instrumentenwechsel gleichen Boxenstopps. Die Stage-Hands springen quasi über die meterlangen Pedal-Boards und müssen dabei noch aufpassen, kein Oszillatoren-Unikat aus den 1970ern umzuschmeißen.

Radiohead in der Uber Arena: Drei Drums und ein Mental Breakdown

Viele Schätze, viele Möglichkeiten, viel Verantwortung. Es ist kein Wunder, dass die sechs Musiker bei all den Tasten, Kabeln und Knöpfen immer wieder in psychedelische Rauschzustände abdriften. Die Arpeggien überschlagen sich, die manipulierten Gesangslinien werden zu Gespensterchören und die Drum-Computer scheinen drei Taktarten gleichzeitig zu spielen. Als wäre das nicht genug, ackern gleich zwei Schlagzeuger in der Mitte der kreisförmigen Bühne. Die Gitarren werden zu Orchestern. Die Bandmitglieder stehen mit dem Rücken zu einander, machen ihr eigenes Ding, in perfekter Synchronisation. Blickkontakt ist für Anfänger. Gelegentlich versuchen ekstatische Fans mitzuklatschen. Ein ambitioniertes Vorhaben, schließlich gilt es erstmal, die 5/4-Rhtyhmen, Synkopen und desorientierenden Patterns zu entschlüsseln.

Der Irrsinn erreicht seinen Höhepunkt, als auch noch Jonny Greenwood, der an diesem Abend mehr Instrumente spielt, als andere Leute aufzählen können, auf ein drittes Drum-Set prügelt, während Thom Yorke einen Mental Breakdown ins Mikrofon lallt. Man könnte fast vergessen, dass man sich in der größten Mehrzweckhalle Berlins befindet, die Radiohead nach sieben Jahre Stille problemlos vier mal in Folge ausverkauft haben. Denn auch wenn die Engländer gerne an Reglern drehen und den Mainstream mit unkonventionellen Kompositions- und Produktionstechniken konfrontieren, bleiben sie eine Rockband mit Hits und Hymnen. Ob sie nun wollen oder nicht.

Radiohead: Polyrhythmen und Stadionrock

Wenn die Westerngitarre umgehängt wird und die himmlischen Melodien von „No Surprises“, „Fake Plastic Trees“ und „Karma Police“ durch die Uber Arena schweben, liegen sich die Fans plötzlich doch bierselig in den Armen. In einem „OK Computer“-Shirt dürfen selbst die härtesten Männer weinen. Und dann gibt es auch noch diesen seltenen Moment der Menschlichkeit, in dem die Experimental-Aliens Greenwood und Yorke einfach mal gemeinsam Gitarre spielen, sich anschauen, antreiben und koordinieren. Fast wie normale Musiker, fast wie eine normale Band. Dann ist man endlich im 4/4-Takt, im Stadionrock, in Glückseligkeit.

Unfreiwillig kommt einem in diesen befreienden Massenerlebnissen das größte Comeback des Jahres in den Sinn. Vielleicht wären selbst Radiohead-Fans, die tatsächlich jeden Polyrhythmus mitklatschen können und den Mega-Hit „Creep“ natürlich noch nie gemocht haben, insgeheim ganz gerne zu Oasis gegangen.


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