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Rapper Haftbefehl live in Berlin: Ein Schuss ins Knie?

Am letzten Samstag war Rapper Haftbefehl live in Berlin. Er trat im Rahmen der „Unter freiem Himmel 2020“-Open Airs am Flughafen Schönefeld auf. Wir waren dabei und klären, wie gut es sich mit mühsam verheilender Schusswunde rappen lässt und ob das Hygienekonzept der Veranstalter aufgeht.

Der Rapper Haftbefehl spielte am Samstag live in Berlin.
Rapper Haftbefehl live in Berlin: Er veröffentlichte erst im Juni „Das Weiße Album“. Foto: Imago / Future Image

Als Haftbefehl die Bühne im Autokino am Flughafen Berlin-Schönefeld betritt, ist er stilsicher ganz in Weiß gekleidet. Ein Zuschauer schreit ausgelassen: „069“. Das ist die Vorwahl von Haftbefehls Geburtsstadt Offenbach, der der lokalpatriotische Rapper sogar einen eigenen Song gewidmet hat. Haftbefehl stockt kurz, fast glaubt man ein Lächeln in seinem Gesicht zu erkennen, und er stellt fest: „Offenbach ist auch im Haus.“ Und zwar in ganzer Mannschaftstärke, wie es scheint. Das Motto des Abends: „Azzlacks kommen nie allein.“ Haftbefehl hat wirklich einige seiner (Label-) Kollegen mitgebracht: Dú Maroc, Soufian, Milonair und für den gemeinsamen Hit „Ich rolle mit meim Besten“ auch Marteria.

Haftbefehlwar der erste Rapper, der die Sprache einer neuen, migrantischen Generation aufgriff. Er hatte seinen Vater mit gerade einmal 14 Jahren verloren und sammelte anschließend in kurzer Zeit so viele Anzeigen, dass er in die Türkei floh, um den deutschen Behörden zu entgehen. Seit seiner Rapp-Karriere ist er jemand, der polarisiert, aber selten aufgrund von stumpf kalkulierten Eklats wie zum Beispiel der Straßenrapperkollege Bushido, der gerade vor dem Berliner Landesgericht gegen seinen ehemaligen Geschäftspartner Arafat Abou-Chaker aussagt.

Stattdessen erhitzten sich die Gemüter über Haftbefehls Sprache, seine Texte und seinem Auftreten. Avantgarde-Lyrik von dem Mitglied einer sonst oft ungehörten Community oder die Gesellschaft zersetzender Aggro-Rap mit sinnlos expliziter Wortwahl ? Haftbefehl war schon immer ein Streitfall des Feuilletons, das gerne über ihn redet und sehr selten mit ihm. Letzen Samstag stand er in Berlin auf der Bühne, rund 500 Menschen nutzten die Chance, ihm zuzuhören.

Rapper Haftbefehl: Patrone im Unterschenkel

Im Verlauf des Abends drängt sich der Eindruck auf, dass die Vielzahl der Gastrapper eher in dem angeschlagenen Gesundheitszustand Haftbefehls begründet liegt als in einem künstlerischem Konzept. Denn seit eine Patrone im Juli seinen linken Unterschenkel durchbohrte, ist der Offenbacher Straßenrapper nicht mehr allzu flink auf den Beinen.

Was genau damals passierte, ist weiterhin unklar, laut offizieller Version schoss sich Haftbefehl im Drogenrausch selbst ins Bein. Er selbst kokettierte aber immer wieder damit, dass doch nicht er geschossen hat, sondern einer seiner zahlreichen „Feinde“. Wie auch immer es zu der Schusswunde kam, die er im neuen Video zu dem Song „Casablanca“ selbstbewusst in die Kamera hält, sie scheint ihn mehr zu beeinträchtigen, als er wahrscheinlich zugeben würde.

Im Video zu „Casablanca“ von neuen Album seines Labelkollegen Dú Maroc präsentiert Haftbefehl stolz seine Schusswunde.

Am Samstagabend steht Haftbefehl immer wieder längere Zeit mit dem Rücken zum Publikum, überlässt die Bühne manchmal auch ganz seinen Azzlacks, um sich einige Minuten zu erholen. Man fragt sich, warum er in einem solch lädierten Zustand ein Konzert spielt, zumal er nicht wirklich Bock darauf zu haben scheint. Vielleicht auch, weil einige Plätze frei geblieben sind.

Genauso verwundert, dass Haftbefehl zunächst mit einer „Zeitreise“ durch seien Diskographie startet, erst nach einigen Tracks mit „Conan x Xenia“ beim aktuellen „Weißen Album“ ankommt und auch über den Abend hinweg generell wenige neue Tracks spielt. Ob Konzept oder fehlender Textsicherheit bei den aktuellen Songs – die Show ist eher ein Sammelsurium von Haftis Hits als ein Konzert zum neuen Album. Schade, denn das „Weiße Album“ kann durchaus als sein bestes bezeichnet werden.

Konzerte während Corona – macht das Spaß ?

Wovon jedes Haftbefehl-Konzert lebt, sind seine nach vorne gehenden Songs, die zum ausgelassenen Tanzen und Mitrappen einladen. Wie lässt sich das mit einem sicheren Hygienekonzept verbinden? Ziemlich gut, wie die Veranstalter von „Unter freiem Himmel“ zeigen. Auf dem Gelände sind aus Getränkekisten Zweier- oder Vierer-Boxen aufgebaut, die auch Sitzmöglichkeiten in Form von Campingstühlen ermöglichen. Die geräumigen Boxen bieten genug Platz zum Chillen und Tanzen, ganz ohne Mundschutz und mit Abstand zu anderen Konzertbesuchern.

Natürlich vermisst man das alte Konzertfeeling, das mit den Hygienebestimmungen nicht so ganz aufkommen kann, aber „Unter freiem Himmel 2020“ ist nicht nur besser als nichts – es macht wirklich Spaß! Zumindest, wenn die auftretenden Künstler einem musikalisch zusagen. Und wenn sie dann auch noch Lust auf den Abend haben, und nicht so wirken, als hätte man sie zu früh aus der Reha auf die Bühne gezwungen.

Denn Haftbefehl wirkt, als er nach nur einer Zugabe die Bühne verlässt, ziemlich fertig. Er gibt am Merch-Stand noch kurz ein paar Autogramme und posiert für einige Selfies, umrundet von einer Entourage von Securitys. Dabei fällt auf: Seine Fans, die ihn hier bejubeln, sind ziemlich divers. So divers wie auch das Schaffen der Offenbacher Straßenrap-Ikone.


Die kommenden Konzerte:

  • 18. September – Felix Jaehn
  • 19. September – Gestört aber Geil
  • 19.September – MIA.
  • 20.September – Michael Schulte
  • 25.September – Taschenlampenkonzert. Rumpelstil live
  • 26.September – Knossi & die Atzen

Am Flughafen Berlin-Schönefeld, Hans-Grade-Allee 54, Tickets gibt es hier


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