Die fantastische Rache der RAYE: So war das Berlin-Konzert
Sie ist derzeit wohl eine der spannendsten Rising Divas der Musikindustrie. Gleich zu Beginn ihrer komplett ausverkauften UK-, Europa- und Nordamerika-Tour machte die britische Sängerin RAYE Halt in der Berliner Uber Arena. Das Tourplakat versprach im Vorfeld einiges: neue Songs, Bläser und Streicher, Liebe und Leidenschaft, Plauderei, ein Nachtclub-Segment und mindestens ein Jazz-Cover. Wurden diese Versprechen eingelöst?

Zwischen Nostalgie und TikTok-Ästhetik
Obwohl die 28-jährige Singer-Songwriterin und Produzentin bereits seit ihrer Kindheit Songs schreibt – unter anderem für Beyoncé, Charli XCX und John Legend –, blieb ihr das Rampenlicht, vor allem in Deutschland, lange verwehrt. Auch, weil ihr ehemaliges Label Polydor sie ihrer Aussage nach jahrelang blockierte und in eine Schublade stecken wollte. Hit-Kollaborationen wie der Song „Prada“, der 2023 gemeinsam mit Cassö und D-Block Europe entstand, sowie ihr von der Kritik gefeiertes Debütalbum „My 21st Century Blues“ änderten das – zu Recht – in den letzten Jahren. Nun bespielt die Südlondonerin als Headlinerin Europas Arenen, um ihr Ende März erscheinendes zweites Album „This Music May Contain Hope“ vorzustellen. Als Opener begleiten sie ihre jüngeren Schwestern Absolutely und Amma, mit denen sie bereits im vergangenen Jahr beim All Points East Festival in London auf der Bühne stand.
Schon bevor RAYE selbst die Bühne betritt – barfuß und im Abendkleid, inzwischen ihr Signaturelook – wird klar: Stil ist hier Teil des Konzepts. Die Technik-Crew arbeitet in Hemd, Fliege und Anzugweste, in den Umbaupausen läuft Jazz. Der spiegelglatte Boden, ein schwerer roter Samtvorhang und der gesamte Aufbau erinnern eher an ein Theater als an eine klassische Arena-Show. Pünktlich um 20:30 Uhr mahnt RAYE als Ansagerin aus dem Off: „Be kind to your neighbor”.
Ein Konzert wie ein Film Noir
Ihr Aufgang selbst ist überraschend unaufgeregt: kein Konfetti, kein Effektgewitter, sie läuft schlicht über die Seitentreppe auf die Bühne und nimmt vor dem Vorhang Platz. Das Intro wirkt wie ein Film Noir – eine erzählte Geschichte, begleitet von Streichern, bevor sie zu singen beginnt. Mit langem Mantel, glitzerndem Kleid und Sonnenbrille erinnert sie optisch an die große Operndiva Maria Callas. Es ist diese Mischung aus starkem Storytelling, Eleganz und Simplizität, die in den nächsten zwei Stunden ihre Grandesse ausmachen sollte. Spätestens als sich der Vorhang hebt und den Blick auf ihre Big Band freigibt, wird jedoch klar: Hier treffen Retro-Ästhetik und moderne Pop-Hits mit TikTok-Marketing-Kniffen aufeinander.

Ein Konzert, das Generationen verbindet
Direkt zu Beginn setzt sie mit ihrem Spätsommer-Hit „Where Is My Husband“ den Ton des Abend und schon beim ersten Song springen die Fans auf den Rängen auf ihre Füße. Augenzwinkernd fragt sie: „I’m wondering, is he [my Husband] maybe here in Berlin?“ Lässig das Mikrofonkabel über die Schulter geworfen, unterbricht sie ihre Songs für Seitenkommentare und Witze: „I talk too much and I belt too much, I gotta pace myself.“ Narrativ und Visuals kokettieren mit Nostalgie, immer wieder bricht sie mit der Moderne, auch in der Art und Weise, wie sie über Liebe spricht. Dennoch wirkt der Abend nicht angestaubt – vermutlich weil gut arrangierte Musik zeitlos ist, und RAYE selbst so nahbar, glücklich und sympathisch auf der Bühne steht. Dass dies generationsübergreifend Menschen anspricht, bemerkt sie auch selbst: „I’m so happy about the diverse mix of people here, I see some mature people, I see some 50 and 60 year olds, hello and thank you from the bottom of my heart!“
Wie schon auf ihrem Debütalbum ziehen sich Dating, Herzschmerz und „the subject of the ex” durch den Abend. RAYE erzählt von „Nightingale Lane“, einer Straße in London, die sie für immer mit ihrem schlimmsten Liebeskummer verbinden wird, und warnt zugleich augenzwinkernd vor Südlondoner Loverboys: „Girls stay safe out there! Best to stay prepared!“ Ein musikalisches Highlight ist die Liveversion von „Oscar Winning Tearsv, dirigiert von Komponist Tom Richards.
21st Century Dating, Heartbreak Therapy und viel Platz für Emotionen
Die emotionalen Höhepunkte setzen jedoch andere Songs. Allein am Klavier sitzend singt RAYE mit brechender Stimme „Ice Cream Man“ und macht deutlich, dass die sexualisierte Gewalt, um die es in dem Song geht, kein Einzelschicksal ist: „Sadly, 1 in 4 of us can relate.“ Spätestens bei der Zeile „I’m a very fucking brave strong woman“ explodiert die Arena in Zuspruch, Taschenlampen leuchten, es gibt weinende Standing Ovations. Immer wieder wird die Stille von einem lauten „We love you RAYE!“ durchbrochen – und man hat den Eindruck, dass sie diese Liebe spürt und zurückgeben möchte.
Als sie ihren neuen Song „I know you’re hurting“ ankündigt, in dem es mutmaßlich um mentale Gesundheit und Suizidgedanken geht, richtet sie sich direkt an das Publikum: „I have the deep feeling, someone here needs to hear this tonight, and I am singing this to you: It’s gonna be alright! Keep going, don’t give up on your life, you matter, you’re supposed to be here, you belong, you are loved, you are special. It’s gonna be alright!“

Neue Musik aus RAYEs Jazz Club
Wie versprochen, hält der Abend einiges an neuer Musik bereit. Schon früh in der Setlist gibt „Skin and Bones“ einen ersten Eindruck davon, dass RAYE ihrem Sound funkige Elemente hinzugefügt hat. Zwischendurch verwandelt sich die Bühne in „RAYEs Jazz Club“ mit kleinen Tischen, Lampen und einem Cover von „Fly Me To The Moon“. Daneben blitzen im selbsternannten „Nightclub Segment“ auch ihre Dance-Pop-Wurzeln auf – inklusive Lasershow und dramatischem „Prada“-Snippet. Auch wenn der Bass hier noch etwas mehr Druck vertragen hätte, stellt RAYE klar, dass in der Stadt des Techno ein Mini-Rave nicht fehlen darf: „We’re in Berlin, so let’s go.“
Sie erzählt außerdem, dass es schon mit 17 ihr Traum war, in der damals noch Mercedes-Benz-Arena genannten Venue zu spielen. Die Fans gönnen ihr diesen Moment sichtbar. In den Interaktionen wird deutlich, wie eng die Verbindung zwischen Künstlerin und Publikum ist: Ein Fan zeigt ihr einen selbstgehäkelten Pullover mit RAYEs Gesicht, sie reagiert begeistert: „Girl, you’re so talented – you need a business.“ Wenig später erkennt sie Fans der ersten Stunde in der ersten Reihe: „Since when have you been around? Since I opened up for Halsey? Damn that’s a long time ago!“

Unperfekt, aber sympathisch
Wie schon auf ihrer EP „Genesis.“ und ihrem Debütalbum zeigt RAYE auch live, dass sie sich nicht mehr in Schubladen stecken lässt. Songwriting und Arrangements sind ambitioniert, die Big Band agiert aufmerksam und reagiert auf ihre spontanen Spielereien. Hier und da merkt man, dass es eine der ersten Shows der Tour ist – Abläufe sitzen noch nicht ganz, Zwischenansagen wirken gelegentlich holprig, manchmal verliert sie ihren Faden, was sie jedoch jederzeit gekonnt und sympathisch wieder einfängt. Vielleicht ist es auch gerade diese Menschlichkeit und das Unperfekte, was die Fans so sehr an ihr schätzen.
Es ist die fantastische Revenge der RAYE – gegen Ex-Partner und ein Label, von dem sie sich befreit hat, und für eine Unabhängigkeit, die sie immer wieder betont.
Rike van Kleef
So zementiert die dreifache Grammy-Nominee mit dieser Tour, was sie spätestens mit ihrem Royal Albert Hall Live-Album bewiesen hat: dass sie zu den spannendsten Songwriterinnen und Performerinnen ihrer Generation gehört. Es ist die fantastische Revenge der RAYE – gegen Ex-Partner und ein Label, von dem sie sich befreit hat, und für eine Unabhängigkeit, die sie immer wieder betont. Für alle, die das Konzert verpasst haben, bleibt zu hoffen, dass auch das Abschlusskonzert in London wieder als Live-Album erscheinen wird. Unwahrscheinlich ist es nicht, schließlich sagt RAYE selbst über das kommende Jahr: „I’m a girl who loves a dramatic ending and for the next chapter of my life I want to lean more into the drama.“
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