Konzerte

The Residents – Neben der Norm

The Residents – Neben ?der Norm

Vor vier Jahren feierten sie heimlich, still und leise das 40-jährige Jubiläum ihres Bestehens. Wenn bei ihnen alles so ablaufen würde, wie es sich in der Welt der Rockmusik eingebürgert hat, hätten wir davon sicher mehr erfahren. Doch statt mit einer bombastischen Festakt machten die Art-Rocker aus San Francisco unbeeindruckt mit ihrem bereits angelaufenen Programm weiter, das sich „Randy, Chuck & Bob-Trilogie“ nennt.

Hinter diesen Namen verbergen sich die drei Mitglieder der Gruppe. Ein vierter, der aus Mexiko stammende Carlos, hätte sich angeblich in seine Heimat zurückgezogen, wo er zur Geisterstunde Gruselmusik aufnimmt. Ob das alles stimmt und ob The Residents nach all den Jahren wirklich von ihrem Standardoutfit mit Smoking, Augapfel-Schädel und Zylinderhut Abstand nehmen und echte Namen, Gesichter und Persönlichkeiten preisgeben, lässt sich bei diesen notorischen Geheimniskrämern nicht hundertprozentig genau überprüfen.
Vor sechs Jahren stellten The Residents den ersten Teil der Trilogie live in Huxley‘s Neuer Welt vor. Die Show stand unter dem Namen „Talking Light“ und präsentierte Randy als greisen Clown, der mit Bademantel und zur Seite hin abstehenden grauen Haaren ständig diabolische Tänze aufführt.

Thematisch ging es um den Tod und die Verwandlung in einen Geist. Dieser Aufführung folgte später der zweite Teil „The Wonder Of Weird“, bei dem sich alles um Liebe und Sex drehte. Jetzt ist die Band beim abschließenden Teil „Shadowland“ angelangt. „Dieses Mal geht es um  Geburt und Wiedergeburt, um Reinkarnationen und Nahtoderfahrungen. Hier kann man leicht ein Denkmuster erkennen. Tod, Sex, Geburt – das Leben in umgekehrter Reihenfolge. Was für ein Konzept“, jubelt Randy in einer offiziellen Video-Ankündigung. Zum künstlerischen Erfolg trägt die Entscheidung bei, dass The Residents aus diesem Anlass in ihrem üppigen Backkatalog gegraben und nicht die offensichtlichen Stücke herausgepickt haben „Melon Collie Lassie“ stammt aus dem Album „Fingerprince“ aus dem Jahr 1977, „Is He Really Bringing Roses?“ gehörte 1987 zu den Bonus-Tracks des schon vorher erschienenen „Eskimo“-Werks, andere Titel findet man im Original auf „Freak Show (1990) oder „Demons Dance Alone“ (2002). Jetzt haben The Residents diese Songs noch einmal überarbeitet. Ähnlich sind sie schon einmal bei den Aufnahmen zu „Roadworms“ im Jahr 2000 vorgegangen. Damals hatten sie die für eine Tour-Setlist geplanten Stücke des vorangegangenen „Wormwood“-Longplayers noch einmal in einem Berliner Studioraum neu eingespielt.

Die Tatsache, dass The Residents noch immer dabei sind und auf unvermindertes Interesse stoßen, hat damit zu tun, dass man bei ihnen immer mit unerwarteten Dingen rechnen muss. Sie haben für sich über die Jahre eine Plattform der absoluten Narrenfreiheit geschaffen. Wer sonst hat schon einmal ein „Commercial Album“ mit vierzig frei erfundenen Werbemusik-Stücken veröffentlicht, die alle kaum länger als eine Minute dauern? Wer hat sich getraut, für das zweite Album Hits aus der Vergangenheit rücksichtslos zu entstellen und die Parodie dann „The Third Reich‘n Roll“ zu nennen, mit einem breit lächelnden und eine Karotte in der Hand haltenden Nazi auf dem Cover?

Bei der Entzifferung der Musik tun sich selbst hartgesottene Fans der Residents oft schwer. Veranstaltungen von so provozierender und durchdachter Art, in die Elemente aus Theater, Kunstinstallation und Multimedia-Event einfließen, gehören nach wie vor nicht zum Alltagsgeschäft. Man musste Randy bei der „Talking Light“-Show folglich Unterstützung zusichern, als er am Ende flehend niederkniete und rief: „Begrabt mich nicht!“ Man wollte ja noch mehr wunderliche Abende mit ihm und der Band verbringen. Dieser Wunsch geht nun in Erfüllung.

Text: Thomas Weiland

Foto: Promo

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