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The Smashing Pumpkins in der Zitadelle Spandau: „I wanna keep playing for ever and ever and ever“

Ihre Alben „Siamese Dream“ und „Mellon Collie and the Infinite Sadness“ sind legendär. Aber als Jahrgang 1999 hat unser Autor die große Smashing-Pumpkins-Zeit gar nicht miterlebt, diese Grunge- und Goth-Ära, die Zeit von Nirvana, Pearl Jam, Soundgarden und eben der Pumpkins. Deren „Mellon Collie“-Album ist gerade 30 geworden, mit ihrem aktuellen Album „Aghori Mhori Mei“ sind sie auf Tour. Am 6. August spielten sie in der Zitadelle Spandau im Rahmen des Citadel Music Festivals – und unser Autor hat sich vom 90er-Spirit verzaubern lassen.

Billy Corgan und Drummer Jimmy Chamberlin verzaubern das Publikum in der Zitadelle Spandau. Foto: Imago/Berlinfoto

Das Konzert startet mit einer Panne. Ein lautes Zischen, der linke Bildschirm fällt aus und die Boxen rauschen. Trotzdem kommt die Vorband Drangsal auf die Bühne, und es dauert nur einen Song, und zumindest die Boxen scheinen wieder richtig zu funktionieren. 25 Minuten lang spielt die Band atmosphärischen Alt-Rock mit vielen Gitarrensolos, zu denen Sänger Gruber funkig über die Bühne tanzt, live ein bisschen angenähert an den Haupt-Act des Abends – eigentlich klingen Drangsal poppiger. Die Pumpkins-Fans hat das allerdings nicht mitgerissen. Der Platz vor der Bühne war noch lange nicht gefüllt, viele unterhielten sich. Das ist wohl der ewige Fluch der Vorband.

Als die Pumpkins die Bühne betreten, jubelt der nun komplett gefüllte Innenhof der Zitadelle. Billy Corgan, Sänger, Gitarrist und kreativer Kopf der Pumpkins, streckt die Arme in die Luft und sieht in seinem schwarzen Priester-Kleid wie der Papst des Goth-Rock aus. Eine spirituelle Erfahrung kündigt sich bereits an. Und es geht los mit einem Song für Kenner, der auf Spotify nicht zu finden ist. „Glass’ Theme“ aus dem bisher nie offiziell veröffentlichten Album „Machina II / The Friends and Enemys of Modern Music“, das kurz vor der zeitweiligen Auflösung der Band im Jahr 2000 bewusst ins Internet gestellt wurde, nachdem das Label der Smashing Pumpkins es nicht veröffentlichen wollte. Ein Statement, das sich durch den Abend ziehen wird: Wir lieben unsere Musik und uns ist egal, wie bekannt die Songs sind.

Und wie sie ihre Musik lieben. Besonders das neueste Mitglied der Band, Kiki Wong, die sich im Casting gegen fast 10.000 andere Gitarrist:innen durchsetzte, fühlt jeden Song sichtlich. Gegenüber „Guitar World“ erwähnt Corgan, die Pumpkins seien mit Wong „heavier“, wenn sie live spielen. Kein Wunder, kommt sie doch aus dem Heavy Metal und bringt geballte Energie auf die Bühne.

Kiki Wong, neuestes Mitglied der Smashing Pumpkins, und Billy Corgan rocken das Citadel Music Festival. Foto: Imago/Berlinfoto

The Smashing Pumpkins live in Berlin: Der Alternative-Rock Zauber braucht Zeit

Das Publikum braucht eine Weile, um in Fahrt zu kommen. Während die Pumpkins mächtigen Hard Rock durch die Verstärker jagen und die wenigen jüngeren Fans bereits springen und headbangen, stehen überraschend viele Männer jenseits der 50 da, als wollten sie gar nicht hier sein. Dabei tragen sie doch das berühmte „Zero“-T-Shirt der Band. Warum bewegt sich niemand? Ist das ein Generationen-Ding? Oder haben diese Fans vielleicht einfach Angst, dass sie etwas verpassen, wenn sie sich nur einen Zentimeter bewegen? Die Antwort ist wohl, dass der Zauber, den Oberhaupt der Alternative-Rock-Kirche Corgan auf der Bühne gerade wirkt, eine Weile braucht, um sich zu entfalten.

Bei „Today“ lockern sich die Gesichter, die Münder und es wird endlich mitgesungen. „Edin“, der wohl beste Song des aktuellen Albums, aktiviert das Kopfnicken. Und dann, nachdem James Iha, Gitarrist und Gründungsmitglied, die magischen Worte „Let’s rock!“ ins Mikro ruft, wacht die Menge richtig auf und alle springen zu „Bullet With Butterfly Wings“. Kein Gedrängel, kein Schubsen, keine Ellenbogen. Das lässt der Zauber nicht zu, hier fühlt sich jede:r wohl.

„Hung down with the Freaks and Ghouls“

Laut Corgan sage Iha immer, die Fans wollen nur die Hits hören. Irgendwo scheint Iha damit recht zu haben. Bei den neuen Songs kommt einfach nicht dieselbe Stimmung auf, auch beim Rest des Abends nicht. Aber die alten Songs stimmen nostalgisch, selbst wenn man damals nicht dabei war. Man kann nicht anders als sich zu fragen, wie es wohl war, als diese Songs der neue heiße Scheiß waren.

Corgan fragt: „Ist der nächste Song ein Hit?“ Iha muss schmunzeln und sagt nur „It’s pretty good“ und beginnt „Muzzle“ zu spielen. Daraufhin „1979“, einer der größten Erfolge der Band. Corgan zeigt aufs Publikum, als er singt „Hung down with the Freaks and Ghouls“. In diese hat er das Publikum mit seinem Zauber verwandelt: ein Haufen Freaks und Ghoule.

Billy Corgan entlockt seiner Gitarre hypnotische Töne. Foto: Imago/Berlinfoto

Mit „Porcelina Of The Vast Oceans“ versetzen die Smashing Pumpkins schließlich die ganze Menge in Trance. Beim größten Highlight der ganzen Show wechselt die Band zwischen heftigen Gitarren-Riffs, hypnotischem Gesang und Corgans Gitarrensolos, in denen er sein Instrument mit purer Emotion füttert und es psychedelische Geräusche wieder ausspucken lässt. Kurz vergisst man den Altersunterschied in der Crowd. Vergisst, dass es 2025 ist. Fühlt es sich an wie in den 90ern? Keine Ahnung. Aber vielleicht schon. Vielleicht haben Zuschauer:innen schon damals vergessen, in welcher Zeit sie gerade leben, als sie sich von der Band haben hypnotisieren lassen.

„Möchtest du weiter reden oder willst du weiter spielen?“

Beim höchst melancholischen Song „Mayonaise“ müssen Corgan und Iha plötzlich lachen. Sie haben wohl den Mann mit Kürbis-Hut im Publikum entdeckt. Mit sichtlich guter Laune erlaubt sich die Band einen kleinen Scherz. Sie spielen ein Cover von „Take My Breath Away“ der Band Berlin und lassen das Publikum den Refrain singen. Dann witzeln Corgan und Iha gemeinsam über den „Pumpkin Man“ im Publikum. Schließlich fragt Corgan: „Möchtest du weiter reden oder willst du weiter spielen?“ Und Iha antwortet vom Herzen: „I wanna keep playing for ever and ever and ever“.

Es folgen große Hits und Meisterwerke wie „Disarm“, „Tonight, Tonight“ und „Jellybelly“. Und auch bei bei „Ava Adore“ kennen alle Freaks und Ghoule den Text. Und nach fast zwei Stunden Show ohne Pause und einem Gitarrenwechsel nach jedem Song, gibt die Band mit „Zero“ und „The Everlasting Gaze“ ein letztes Mal Vollgas. „Scream, Creatures!“, befiehlt Goth-Daddy Corgan und die Kreaturen schreien. Die Pumpkins verzichten auf das Schauspiel einer geplanten Zugabe und kosten stattdessen einfach die Zeit auf der Bühne und ihre eigene Musik voll aus. Zum Abschied läuft Corgan von einem Rand der Bühne zum anderen, winkt den Fans zu. Die Trance ist vorbei, langsam verwandeln sich alle zurück.

Auch wenn die neuen Songs wohl für immer im Schatten der eigenen Meisterwerke stehen werden und die 90er lange vorbei sind, hoffen doch alle Anwesenden, sowohl die älteren als auch die jüngeren Fans, dass Ihas Worte ein Versprechen waren. Dass die Smashing Pumpkins weiter Musik spielen werden, für immer und immer und immer.


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