Konzerte

Von Westernhagen entdeckt: Elen

Von Westernhagen entdeckt: Elen

Eine junge Frau fächert hektisch mit den Händen vor dem Gesicht herum. Sie versucht, die Tränen zurückzuhalten, die sich gerade in ihren Augen sammeln. Dabei erweckt sie den Eindruck, als sei sie selbst überrascht, dass die Straßenmusikerin, die hier vor den Schönhauser Allee Arcaden mit tiefer Stimme Leonard Cohens „Hallelujah“ singt, sie so sehr berührt. Elen bekommt davon nichts mit. Sie hat die Augen geschlossen, um sich ganz dem Singen hinzugeben.
In solch einem Moment muss auch Marius Müller Westernhagen vorbeigekommen sein, so genau weiß es Elen aber nicht mehr.  „Er hat mich angerufen und meinte, dass er mich gehört hat und begeistert war“, erzählt die 25-Jährige. „Er hat mein Album mitgenommen, sich ein bisschen informiert und beschlossen, dass er mich gerne als Vorband für sein Tourabschluss-Konzert in Berlin hätte.“
Für Elen ist es nicht der erste Auftritt vor großem Publikum. 2011 nahm sie bei der ersten Ausgabe von Voice Of Germany teil. Ein Trendscout hatte sie auf der Straße entdeckt. Dass sie relativ früh aus der Sendung ausschied, nimmt Elen damals wie heute gelassen: „Ich hab’s genommen, wie’s kam. Im Nachhinein war es vielleicht ganz gut so, weil der Casting-Stempel ja oft nicht förderlich ist.“ Aus diesem Grund schlug sie auch alle Angebote, die nach Voice Of Germany bei ihr eintrudelten, ab. „Ich wollte das Risiko nicht eingehen, einen Vertrag über mehrere Jahre zu unterschreiben. Nachher läuft es nicht so, wie man es sich vorgestellt hat und was dann?“ Sie habe schon zu viele Geschichten von Leuten gehört, die mit einem großen Label sehr unglücklich waren.
Elen möchte lieber frei und unabhängig bleiben. Seit sie mit 17 die Schule geschmissen hat, weil sie die 11. Klasse nicht wiederholen wollte, macht sie Straßenmusik. An ihren ersten Gig vor den Schönhauser Allee Arcaden kann sie sich noch gut erinnern. „Damals gab es noch keine Verstärker, die für die Straße gemacht waren. Mein Freund und ich sind dann zu diesem Musikgeschäft in die Kulturbrauerei gefahren und haben uns ein paar Sachen vorführen lassen. Schließlich haben wir einen Akkuverstärker gekauft, der anderthalb Stunden gehalten hat. Dann musste man einpacken, nach Hause fahren, das Ding an die Steckdose hängen und einen halben Tag warten, bis es weitergehen konnte.“
Inzwischen kann sich Elen Wiedergabe-Equipment leisten, das vier bis fünf Stunden durchhält. So lange dauern ihre Straßenmusik-Sessions im Sommer. An guten Tagen verdient sie dabei bis zu 60 Euro. Einen anderen Job hat sie nicht. Sie sei ja ihr eigenes Label, erklärt Elen, das bedeute viel Arbeit. Momentan plant sie ihr zweites Album. Dafür müssen Texte geschrieben, Musiker gewonnen, ein Vertrieb gefunden, Proben arrangiert und Geld für Mischen, Mastern und Promo beschafft werden. Ihre erste Platte – eine Ansammlung melancholischer, zeitloser Pop-Rock-Songs mit Singer/Songwriter- und Folk-Einschlägen – hat die 25-Jährige über Crowdfunding finanziert. 50.000 Euro sind damals zusammen gekommen.
Doch jetzt heißt es erstmal: den Winter überstehen. Elen spielt zwar auch bei eisigen Temperaturen auf der Straße, allerdings selten länger als zwei Stunden. Mit eingefrorenen Fingern ist nicht gut greifen. Mehr noch als das Wetter sind es ?jedoch die mauen Geldbeutel der Passanten, die ihr im Winter Sorge bereiten. „Nach Weihnachten sind die Leute oft entweder pleite oder im Urlaub. Deshalb muss ich für die Monate Januar und ?Februar immer ein bisschen Eichhörnchen-mäßig vorarbeiten“, sagt sie. Trotz allem kann sie auch der kalten Jahreszeit etwas Positives abgewinnen. Die wenigen guten Straßenmusik-Spots seien dann nicht so hart umkämpft.

Text:
Henrike Möller

Foto: Thorsten Eichhorst

Mercedes-Benz-Arena Im Vorprogramm von Marius Müller Westernhagen Mercedes Benz Platz 1, Friedrichshain, Sa 24.10.,  20 Uhr, VVK: 48 – 100 Ђ zzgl. Gebühr

www.elenofficial.com

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