Konzerte

Wassermusik 2015: Mother India

Talvin Singh

Talvin Singh war schon mal richtig mittendrin im Geschehen. Er spielte Tabla für Siouxsie & The Ban­shees und gastierte auf dem „Debut“ von Björk. 1998 fachte er mit seinem Album „Ok“ die Euphorie um den New Asian Underground an. Es handelte sich um eine Mischung aus Einflüssen klassischer indischer Musik und damals brandaktuellen Drum’n‘Bass-Beats. Singhs letztes größeres Projekt ist eine Zusammenarbeit mit Sitarspieler Niladri Kumar auf dem Album „Together“. Bei einem Konzert der beiden in der Londoner Queen Elizabeth Hall soll ein Hauch von „Norwegian Wood“ durchs Programm gehuscht sein. Mit?diesem Beatles-Song und dem markanten Sitargriffen von George Harrison wurde das westliche Publikum einst zum ersten Mal tiefgreifend mit der Musik Indiens konfrontiert. Auch bei seinem Auftritt im Rahmen des Wassermusik-Festivals geht Singh weit in die Geschichte zurück. Er stellt keine neue Platte vor, sondern ?huldigt dem Soundtrack des Films „Pakeezah“ aus dem Jahr 1972, der nach seinem Auftritt auch auf der Leinwand zu sehen sein wird.
Ein Gast, über den man unbedingt schreiben muss, ist die große Asha Bhosle. Im Alter von bald 82 Jahren bekommt man die Grande Dame der indischen Musik tatsächlich zum ersten Mal live in Deutschland zu sehen. Die Auswahl ihres Repertoires dürfte ihr einige Schwierigkeiten bereiten. 2006 hat man ermittelt, dass sie über die Dauer von mehr als sechs Jahrzehnten 12.000 Songs eingesungen hat. Ihre Aufgabe war es, Playbacks einzuspielen: Sie nahm ihren Gesang im Studio auf, die jeweilige Bollywood-Schauspielerin musste im Film später nur den Mund dazu bewegen.  Spektakulär war Ashas Version von „Eena ?Meena Deeka“, in dem die Spuren des Rock’n’Roll der Fünfziger unüberhörbar sind. Zu einem forschen Rhythmus, etwas Saxofon und einem manisch tänzelnden Piano wie bei Jerry Lee Lewis gesellte sich Ashas unverwechselbare hohe mädchenhafte Stimme.
Vorrangiges Ziel der Wassermusik-Veranstalter ist es, möglichst viele Aspekte der Klangwelt von „Mother India“ vorzustellen. Geheimtipps kommen dabei nicht zu kurz. Peter Cat Recording Co. aus Neu-Delhi verkuppeln Elemente des Balkan-Jazz, Cabaret-Pop oder Psychedelia mit ?Gesängen, die sich nach Alex Kapranos oder Adriano Ce­lentano anhören. Die englische Sprache sorgt für Verständlichkeit, beeinträchtigt aber nie die Originalität der Musik. Die Barmer Boys konzentrieren sich auf die Folk- und Sufi-Musik aus der Provinz Rajasthan an der Grenze zu Pakistan und unterstreichen den traditionellen Ansatz mit der Benutzung der Harmonika und regionaltypischen Perkussionsinstrumenten wie der Doppelfelltrommel Dholak. Dem Jazz wird im Programm ebenfalls Platz eingeräumt. Oder darf es Musik aus Goa sein, in der auch lateinamerikanisch-portugiesische Einflüsse und Gesang mit viel Herzblut eine Rolle spielen? Dann sollte man die Vor­stellung der Konkani Goan All Stars nicht verpassen. ?Durch ihre Beteiligung erhöht sich die ohnehin schon ?vorhandene Diversität bei diesem Festival noch ?ein Stück mehr.

Text: Thomas Weiland

Fotos:
Katharina Luetscher

Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ?an vier Wochenenden ?vom Fr 17.7.–Sa 8.8., ?ab 18 Uhr, Abendticket ?(2 Konzerte u. Film): ?10, erm. 8 Euro bis ?24, erm. 18 Euro

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