Konzerte & Party

Konzertierte Aktion

berghainDas hat man ja eigentlich selten, dass  400 Vertreter aus Musikwirtschaft, Veranstaltungswesen und Kulturproduktion plötzlich einer Meinung sind. Diesen Zusammenhalt demonstrieren aber nun „berlin music commission“, „club commission“ und „label commission“ mit ihrer Kampagne „Musik 2020 Berlin“. Grundtenor: Musik- und Clubveranstaltungen machen das Gros der täglich 1500 in Berlin stattfindenden Events aus, sind die Basis fürs internationale Renommй der Stadt und zudem ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor. Dem aber sieht man in der landespolitischen Wahrnehmung und hinsichtlich wirtschaftlicher Zuwendungen nicht ausreichend Rechnung getragen. Die Musikunternehmer fordern also einen „Masterplan Musik“ für  bessere wirtschaftliche Rahmenbedingungen, sie fordern bei Steuern, Wirtschafts- und Kulturförderung eine Gleichstellung mit der sogenannten Hochkultur und zudem auch Bestandsschutz für ihre Clubs bei der baulichen Stadtentwicklung.    

Auf den ersten Blick respektable Anliegen. Berlins Kultur ist ja wirklich toll und jeder soll auch gerne mehr Geld verdienen können – aber muss der Steuerzahler dafür wirklich tief in die Tasche greifen? Stimmt die hier aufgestellt Rechnung „Populäre Musik = Kultur = Kulturförderung“ überhaupt? Ich denke, nein. Im Kampagnenprogramm ist die Rede von der „musikwirtschaftlichen Wertschöpfungskette“, von „Lobbyarbeit“ und vom „strategisch breiter aufstellen“. Das klingt kein bisschen nach Kultur. Das klingt nach Betriebswirtschaft und Politik und kulminiert dann auch in der Forderung nach „Definition des Künstlers als ‚Produkt‘ eines Unternehmens … zur Erlangung besserer Außenwirtschaftsförderung“.

Und das klingt dann vor allem sehr nach dem Ende der sexyness, die Berlins Musik und Clubkultur überhaupt erst berühmt gemacht hat. Würde man nämlich, wie hier gewünscht, verstärkt fördern, gäbe es im Gegenzug zu Recht auch Forderungen: freier Zugang für alle Steuerzahler ins Berghain, die Gastro-Ampel an Clubtüren wie dem Ritter Butzke, sichere Arbeitsverträge und Tariflöhne für das Personal von Clubs, Konzerthallen und Plattenlabels. Vermutlich würde sich das dann gar nicht mehr für die Musikunternehmer rechnen, die für sich einen Jahresumsatz von einer Milliarde Euro reklamieren. Mit Sicherheit würde es aber endgültig Schluss machen mit dem, was seit Jahrzehnten Menschen für die Pop- und Subkulturen einnimmt: der Verzicht auf Regeln und die mangelnde Notwendigkeit, sich Anzugträgern aus Politik, Wirtschaft und Stiftungsräten zu unterwerfen.

Text: Hagen Liebing

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