Konzerte & Party

Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie

Kraftwerk

Man kann die Dinge immer noch ein Stückchen weiter treiben. Jedenfalls dann, wenn man Ralf Hütter heißt und mit dem Band-Projekt Kraftwerk über ein Vehikel verfügt, das neben dem weltweit guten Ruf auch ein beachtliches Њuvre bietet, welches mittlerweile eine Wirkungsdauer von fünf Jahrzehnten umspannt. In Zeiten fortschreitender Musealisierung in der Populärmusik, in denen ein David Bowie sein weitestgehend abgeschlossenes Werk schon seit Langem selbst archiviert und auch kurartiert hat und jetzt mithilfe renommierter Ausstellungshäuser darum bemüht ist, sich selbst ein Denkmal zu setzen, bringen es Kraftwerk fertig, das Museum nicht nur als krönenden Endpunkt, sondern sogar als integralen Bestandteil ihrer fortschreitenden Selbstinszenierung zu instrumentalisieren.
Oder besser: bringt dies Ralf Hütter fertig, denn schließlich ist er das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Band, die sich 1970 in Düsseldorf zusammenfand. Noch nicht als Elektronik-Pioniere, wie wir sie seit Jahrzehnten kennen und feiern, sondern mit einem Rock-Instrumentarium aus Schlagzeug, Bass, Gitarre, Keyboards und Querflöte.
KraftwerkAus dem frühen Quintett kristallisierte sich Anfang der 1970er das Duo Hütter und Florian Schneider heraus. Es folgte die Hinwendung zum keyboardgestützten Elektropop, wie er sich mit dem vierten Album „Autobahn“ 1974 erstmals stilbildend kundtat. Hütter und Schneider erweiterten ihr Konzept indes wieder um Bühnenpersonal, damit ihre Musik bei Konzerten beherrschbar wurde; aber auch, um eine menschliche Projektionsfläche zu schaffen. Je elektronischer aber die Musikmittel wurden, desto weniger waren Mitmusiker wie Karl Bartos oder Wolfgang Flür noch für das konkrete Musizieren notwendig. An dieser Stelle hatten Hütter und Schneider ihren Walter Benjamin gut studiert und setzten die  Lehren daraus mit jakobinerhaftem Eifer um. Wenn Benjamin von einer „Überwindung des Einmaligen durch die industrielle Vervielfältigung der Kunst“ schrieb, so meinte er damit eigentlich die neuen technischen Möglichkeiten der Klangreproduktion. Hütter und Schneider indes stellten auch das Einmalige ihrer Mitmusiker infrage, indem sie diese – und bei manchen Auftritten gelegentlich sogar sich selber – durch Roboter ersetzten und auch ansonsten aus der Band entfernten. Wolfgang Flür hatte daran schwer zu knabbern, er schrieb eine bitterböse Autobiografie („Ich war ein Roboter. Meine Zeit als Drummer bei Kraftwerk“). Karl Bartos hingegen scheint es gelassener zu sehen. Er veröffentlicht nicht nur weiter Musik, sondern lehrt gelegentlich auch als Gastprofessor an der Berliner UdK Sound Studies.   
2009 machte Ralf Hütter dann Tabula rasa und zahlte auch Ralf Schneider aus. Nicht viel später ließ der Alleinherrscher im Hause Kraftwerk dann eine mehrkanalige 3D-Installation entwickeln, die nach München, Düsseldorf und dem Museum of Modern Art in New York nun auch hier in der Neuen Nationalgalerie zu sehen sein wird.
KraftwerkDer Berliner Aufführungsort ist dabei keine bloße Hülle, sondern mit Bedacht gewählt. Strahlte er doch nicht nur bei seiner Eröffnung 1968 die Moderne und die Ästhetik des Funktionalismus aus, Dinge, die man auch immer mit Kraftwerk verbunden hatte,  sondern gilt auch heute noch als zeitgemäß. Dennoch ist es wohl auch dem Zufall geschuldet, dass der von Mies van der Rohe entworfene und 1968 im Nachkriegs-Berlin entstandene Stahl-Glas-Bau zur Verfügung steht, weil er just in diesen Tagen für gründliche Renovierungsarbeiten auf Jahre geschlossen wird. Ansonsten hätte man wohl kaum gewagt, eine Konzertreihe der Sparte Rock in den denkmalgeschützten Räumlichkeiten zu beherbergen.  So aber bietet sich Kraftwerk – dieser Tage bestehend aus Hütter, zwei weiteren „Audio- Operators“ und einem „Video-Operator“ – die Möglichkeit, über die dreidimensionalen Visuals hinaus, die zu allen acht Platten entstanden sind, auch die Halle für sich wirken zu lassen.
Die ursprüngliche Aura der Kraftwerk-Musik, das wissen die Musiker selbst am allerbesten, hat sich allerdings längst in den neuen Verbreitungsformen verflüchtigt. Als Remix, als Sample bei zahlreichen Techno- oder HipHop-Platten oder auch als Klingelton. Man könnte glatt beginnen, ihre Klassiker wie „Autobahn“, „Radioaktivität“, „Das Model“, „Trans Europa Express“ oder „Tour de France“ nicht mehr recht ernst zu nehmen, weil sie sich so sehr im Alltagsgebrauch verflüchtigen.
Zeit also, die Aura des Kunstwerkes Kraftwerk wieder neu aufzuladen. So wie die „Mona Lisa“ zu Renaissance-Zeiten an der Zimmerwand eines venezianischen Kaufmanns zwischen all den anderen Familienmitgliedern wahrscheinlich eher gewöhnlich wirkte, hat sie doch in späteren Zeiten mit dem Extra-Raum und der Extra-Wand, an der Da Vincis Gemälde seit Beginn des 20. Jahrhunderts im Louvre hängt, eine erhebliche Aufwertung und ein Eigenleben in den Augen ihrer Betrachter erfahren. Eine ähnliche Überhöhung wird nun auch Kraftwerk gelingen. Weil jedem Zuschauer klar sein dürfte, dass dieser ikonenhafte Bau der Moderne, in dem Hütter und Co. nun spielen, keine Konzerthalle ist, kein serieller und austauschbarer Aufführungsort, wie etwa die O2 World.
Dass Kraftwerk sich die Neue Nationalgalerie quasi Untertan machen, um in diesem neu zu schaffenden Klangraum ein unverwechselbares Ereignis zu schaffen, das könnte ihrem Kunstwerk eine dringend benötigte, gar nicht so leicht zu reproduzierende neue Aura verschaffen.

Text: Hagen Liebing

Fotos oben und mittig: Peter Boettcher

Foto unten: Miroslav Bolek / Wikipedia Commons

Kraftwerk, Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, Tiergarten, Di 6.1.–Di 13.1., ?20 Uhr, alle Konzerte ausverkauft

Lesen Sie hier: Kraftwerk-Fotos – Eine Ausstellung von Peter Boettcher

Musique non-stop – Die Kraftwerk-Platten und ihre Aufführungstermine
Acht Platten für acht Tage in der Nationalgalerie  

Kraftwerk: Autobahn

Autobahn (1974)
Die Blaupause für den neuen, elektronischen Kraftwerk-Sound, ihr erster Schritt zum Weltruhm. Hit: das 23-minütige „Autobahn“.
Konzert: Di 6.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Redioaktivität

Radioaktivität (1975)
Das erste vollsynthetische Album der Band – abgesehen natürlich vom Gesang. Amüsant, wie ambivalent man sich hier noch zur atomaren Energiequelle verhält. Der Hit: „Radioaktivität“.
Konzert: Mi 7.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Transeuropa Express

Trans Europa Express (1977)
Ein Konzeptalbum zu Europa – auch hier waren Kraftwerk weit vorn. Zudem wurde diese Platte 1982 von Africa Bambaataa bei seinem Song „Planet Rock“ gesampelt. Es sollten viele Nutznießer folgen. Hit: „Trans Europa Express“.
Konzert: Do 8.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Die Mensch-Machine

Die Mensch-Maschine (1978)
Hier hagelt es Hits: „Wir sind die Roboter“, „Das Model“, „Neonlicht“ – selten waren Kraftwerk so songorientiert wie auf diesem Album, mit dem die Band ganz gezielt auf New Wave reagierte.
Konzert: Fr 9.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Computerwelt

Computerwelt (1981)
Nun also ein Konzeptalbum zur Computerisierung. Wem anderes als Kraftwerk hätte man solchen Weitblick zutrauen können? HipHopper und Techno-Bastler bedienten sich bei „Nummern“, Hit: „Computerliebe“.
Konzert: Sa 10.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Techno Pop

Techno Pop (1986)
Der Name ist Programm: Kraftwerk werden mit fetten Sounds restlos tanzbar. Hit: „Boing Boom Tschak“.
Konzert: So 11.1., 20 Uhr

Kraftwerk: The Mix

The Mix (1991)
Bei Kraftwerk ging die Selbstoptimierung weiter. Alte Songs wurden noch etws griffiger gemacht. Bei „Radioactivity“ gab es im Refrain mit dem unzweideutigen Wort „stop“ eine entscheidende Textkorrektur. ?Hit: „The Robots“.
Konzert: Mo 12.1., 20 Uhr

Kraftwerk: Tour de France

Tour de France (2003)
Ein Konzeptalbum zum 100. Jubiläum des berühmten Fahrradrennens. Und eine gute Gelegenheit für Kraftwerk, ihrer Begeisterung fürs Pedalentreten Ausdruck zu verleihen. Hit: „Tour De France 03“.
Konzert: Di 13.1., 20 Uhr

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