Konzerte & Party

Kurt Vile im Interview

Kurt Vile

tip Nehmen Sie Ihre Familie mit auf Tour, Kurt Vile?
Kurt Vile Das würde ich gerne. Wenn ich mal richtig durchstarte, kann ich mir hoffentlich leisten, einen Bus nur für meine Frau und meine Kinder mit auf Tour zu nehmen. Aber zwischendurch sehen wir uns immer wieder: Sie kommen zu meinen Auftritten nach Los Angeles und San Francisco und in Schweden und am Ende der Tour in Australien für ein paar Wochen.

tip Haben Sie Ihren Töchtern eigentlich schon Instrumente an die Hand gegeben?
Kurt Vile Wir haben ein Klavier im Haus, worauf sie gerne rumklimpern. Bald werde ich ihnen kleine Gitarren schenken. Sie spielen ja schon gerne auf meinen.

tip Als Sie klein waren, hat ihr Vater Ihnen ein Banjo geschenkt statt der ersehnten Gitarre. Sie haben dann versucht, das Banjo wie eine Gitarre zu spielen.
Kurt Vile Ja, so traurig wie es ist – aber genauso war es!

tip Wie klang das? Wie Mumford & Sons?
Kurt Vile Nein, kein Stück wie Mumford & Sons. (lacht) Eher wie psychedelische Vorstadtmusik.

tip Haben Sie noch eine besondere Beziehung zum Banjo, da es ja Ihr erstes Instrument war?
Kurt Vile Ja, wenn ich es eine Weile nicht gespielt habe, spüre ich diesen hellen Vibe der Saiten wieder. Auf der aktuellen Platte spiele ich das Banjo ja im Song „I’m an Outlaw“.

Kurt Viletip Ja, lassen Sie uns über die neue Platte reden! Ich habe das Gefühl, es geht dabei ums Sichselbstfremdwerden. Ein Mann, der in den Spiegel schaut und nicht kapiert, dass er das ist.
Kurt Vile Ich war schon bisschen down als ich das schrieb, wenn auch nicht völlig verzweifelt. Da stecken Witz und Realität drin. Der Song zoomt auf die Mordsangst in mir.

tip Ups, Downs, Späße und Herzbruch. Bob Dylan ist ja auch deshalb ein so toller Songwriter, weil er einen Witz bringen kann und einem im nächsten Moment das verfluchte Herz bricht, haben Sie mal gesagt. Wie finden Sie die Balance zwischen Clown und Herzensbrecher?
Kurt Vile So schwer ist das gar nicht. Das geht doch jedem Menschen so.

tip „Don’t know much about History“, singen Sie. Das stammt doch aus einem anderen Song! Wer war das? Art Garfunkel? Paul Simon?
Kurt Vile Sam Cooke! „Wonderful World“. Oh nein, muss ich dafür 10 Prozent an Sam Cooke zahlen? (lacht)

tip „The Verve“ mussten ja sämtliche Einnahmen aus ihrem größten Hit „Bittersweet Symphony“ an die Rolling Stones zahlen, bloß weil sie die Streicher-Riffs am Anfang übernahmen.
Kurt Vile Ja! Und Sam Cooke wird von den gleichen Rechteverwaltern betreut. Die verstehen da keinen Spaß. (lacht)

tip Bei Ihnen geht der Text dann aber anders weiter: „Don’t know much about the shape I’m in“ statt „Don’t know much about biology“. Oder ist die Form, in der Sie sind, letztlich auch Biologie?
Kurt Vile Ehrlich gesagt ist das wieder eine Referenz. An den Fleetwood-Mac-Song „Oh well“. Darin heißt es: „I can’t help about the shape I’m in.“ Auch ein Blues. Referenzen sind kein Plagiat. (lacht) „Dust Bunnies“ heißt mein Song. Sagt man das auf Deutsch auch zu den Staubgebilden unter dem Sofa?

tip „Staubmäuse“ sagen wir.
Kurt Vile Oh, das ist ja cool! (lacht)

tip Der wie ich finde düsterste Song auf der Platte, der vorletzte, heißt „Kidding around“. Blut überall im Haus und die Erkenntnis über eine Art sich umzubringen.
Kurt Vile Ja, da war ich schon düster drauf. Aber ich dachte auch an eine Lyrikerin in Australien. Da kam ich wohl nicht so ganz ran. Jedenfalls brach sich da ein innerer Tumult in mir Bahn. Ich mag auch diesen dunklen Vibe in mir, der mir selbst etwas rätselhaft ist. Sie müssen sich aber keine Sorgen um mich machen! Mir geht es gut. (lacht)

tip Der Album-Titel „B’lieve I’m going down“ heißt also nicht, dass Alles den Bach runter geht?
Kurt Vile Nein, keine totale Verzweiflung! Mit mir geht es immer wieder runter und hoch. Diese Platte ist vielleicht ein Downer, aber kein hoffnungsloser. Eher ein schöner.

tip Eine andere Zeile von Ihnen, die mir sehr gefällt: „Ain’t it oh-exciting, the way one can fake their way through life“. Hatten Sie jemals Angst davor, dass Ihnen das selbst passieren könnte? Dass Sie sich durchs Leben faken?
Kurt Vile Ein bisschen faken müssen wir ja alle. Manchmal muss man Scheiße labern.

Kurt Viletip Als Künstler?
Kurt Vile Manchmal. Ich meine ja nicht auf die Serienkiller-Art. Aber manchmal redet man in Klischees daher, ohne wirklich was zu sagen.

tip Wenn wir schon von Klischees reden. Ein Rock-Star-Klischee ist doch, dass man Drogen nimmt. Angeblich haben Sie aber nicht mal gekifft.
Kurt Vile Ganz so habe ich das nicht gesagt. Aber ich kam tatsächlich nicht gut drauf klar. Das Zeug machte mich super paranoid. Also, klar hab ich verschiedene Drogen probiert, wie vielleicht die meisten, aber ich war niemals süchtig.

tip Welche haben Sie probiert?
Kurt Vile Welche haben Sie probiert? (lacht)

tip Hört hier gerade die NSA mit? Themenwechsel: Sie stressen sich leicht im Aufnahme-Studio.
Kurt Vile Ja, aber das Gute dabei ist: Letztlich kommt Musik dabei heraus und das beruhigt mich wann wiederum. Entweder man verliert sich in der Musik oder kippt paar Tequilas – je nach Nacht.

tip Sie machen die Aufnahmen nachts?
Kurt Vile Normalerweise schon. Aber diesmal bekamen wir spät nachts keinen ordentlichen Produzenten.

tip Sie kommen dann aus dem Studio zurück, wenn die Kids aufwachen?
Kurt Vile Ja, das ist schon passiert, wenn wir Aufnahmen in Philadelphia gemacht haben. Das ist eine Belohnung an sich. Vor allem wenn man noch high von den Aufnahmen ist. Und dann sieht man auch noch die süßen Kids, wenn auch nur kurz, die einem morgens Gutenacht sagen. Das ist was Wunderschönes.

tip Kapieren die beiden, dass ihr Papa ein Rockstar ist?
Kurt Vile Meine ältere Tochter kapiert es langsam und sagt: „Dad, du bist so berühmt!“ Wenn mich Leute in Philadelphia, was ja echt eine Kleinstadt ist, grüßen, sagt sie mir: „Die mögen bestimmt deine Musik.“

tip Philadelphia war ja auch eine Stadt deutscher Einwanderer. Ich habe mich immer gefragt, ob Ihre Eltern Sie nach dem deutschen Komponisten Kurt Weill benannt haben, der mit Bert Brecht die Dreigroschenoper machte.
Kurt Vile Ich kenne recht viel von ihm, aber es ist tatsächlich bloß ein Zufall. Meine Eltern kannten den Typen gar nicht. Lustig genug, als wir es dann herausfanden.

tip Die Band „The War on Drugs“, in der Sie von 2005 bis 2009 Gitarre spielten ist ja letztes Jahr so richtig durchgestartet. Haben Sie noch Kontakt zum Sänger Adam Granduciel, Ihrem Best Buddy von einst?
Kurt Vile Er ist sehr beschäftigt.

tip Bereuen Sie es, nicht mehr dabei zu sein?
Kurt Vile Die machen jetzt halt ihr eigenes Ding. Wir schätzen uns aber glücklich, einander zu kennen und miteinander gearbeitet zu haben. Ich bin mir ganz sicher, dass wir mal wieder zusammen spielen werden. Ich vermisse Adam, ich glaube, er ist besser drauf als je zuvor. Bei der Platte davor ging es ihm wohl ziemlich schlecht und ich war zu weit weg, um es auch nur mitzukriegen. Depressionen. Aber jetzt läuft es blendend und ich freue mich für ihn.

Kurt Viletip Mögen Sie seine letzte Platte, „Lost in the Dream“?
Kurt Vile Aber klar doch. „Under the Pressure“ ist mein Lieblingssong darauf. Ich bin natürlich befangen, aber ganz offensichtlich liebt die Welt draußen die Platte ja auch. Manchmal gehen wir musikalisch etwas auseinander, aber ich liebe alles, was Adam macht.

tip Er war ja noch lange Teil Ihrer Tourband.
Kurt Vile Für uns ergibt das zurzeit keinen Sinn. Er spielt zurzeit einfach eine Liga über mir. Er ist beim Major Lebel, lebt dieses selten mögliche Rock’n’Roller-Leben. Wahrscheinlich wird er mal Stadien füllen. (lacht)

tip Würden Sie auch gerne Stadien füllen?
Kurt Vile Aber sicher! Eines Tages. Aber daran muss ich noch arbeiten. Mal gucken, wie das Leben spielt. Ehrlich gesagt fühle ich mich recht sicher, wenn ich vor mittelgroßem Publikum akustische Gitarre spiele. Aber sobald es darum geht, bei einem wirklich großen Publikum die richtigen Verstärker auszuwählen etc., sobald Elektrizität ins Spiel kommt, muss ich noch dazulernen. Vielleicht möchte ich doch keine Stadien füllen. Aber ehrlich gesagt, wird das auch nicht passieren. (lacht)

tip Live-Schwierigkeiten. Werden Sie jetzt auf der Tour alle Songs vom neuen Album spielen?
Kurt Vile Wir trainieren noch. Diese Platte ist schon anders als meine anderen. Experimenteller in der Instrumentierung. Vielleicht wird es aber live leichter als ich dachte. Die Chemie in der Band stimmt. Was die Gitarre auf der Platte macht, liegt mir sowieso sehr nah. Es ist die Art, wie ich von Natur aus spiele.

Interview: Stefan Hochgesand

Kurt Vile, PBHF-Club, Straße der Pariser Koumue 8, Friedrichshain, Mo, 09.11., 20 Uhr, VVK 16 Euro zzgl. Gebühr

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