Großstadtcomic

„La Bettleropera“ in der Neuköllner Oper

Die Neuköllner Oper feiert Jubiläum – und hängt mit La Bettleropera von Moritz Eggert der Vergangenheit nach

Foto: Matthias Heyde

Vierzig Jahre: ein garstiges Jubiläum. Nicht mal die DDR überlebte es. Der ausgelutschte Spruch „Vollkommen fix und vierzig“ trifft die Sache nicht schlecht. Da mag man sich noch so wacker auf rekordverdächtige 220 Uraufführungen herausreden. Und auf vier Jahrzehnte „Experiment in Folge“.

An das kleidsame Off-Image hat man sich hier längst gewöhnt. So sehr, dass nur noch wenige Kritiker regelmäßig hingehen. Die Kulturpolitik würdigt die Probier-Sandkiste mit Stillhalten. Gelegentlich fasst das Haus immer noch heiße Eisen an. Das Benno Ohnesorg-Singspiel „Der Schuss“ etwa, auch eine Angela Merkel-Oper und ein Rudolph Moshammer-Musical pinkelten aktuellen Themen immer mal wieder ans Bein. Die Treue des lokalen Publikums verwandelt selbst durchschnittliche Premieren in einen rasenden Begeisterungs-Taumel. Dies Haus steht beneidenswert fest in Berlin.

Gegründet in den Jahren der Berlin-Zulage (und aus dem Geist der APO), besang man schon immer die Lyrik der Berliner Dreckecke – noch bevor Neukölln Problem-, Trend- und schließlich In-Bezirk wurde. Seit 1988 bespielt man sein Domizil an der Karl-Marx-Straße – ein Stockwerk oberhalb des Passage-Kinos und in Kiez-Nachbarschaft zum Heimathafen. Legendäre Produktionen wie „Das Wunder von Neukölln“, „Messeschlager Gisela“ (beide 1998) und eine mit Männern besetzte „Così fan tutte“ (2003) führten zu einem Bezirks-Höhenrausch. Er kann leicht darüber hinwegtäuschen, dass aus dem schönen Sumpf der West-Berliner Off-Theater-Szene die Neuköllner Oper der fast letzte Überlebende ist. Der Rest ist trocken.

Eine leichte Tragik des Hauses besteht darin, dass trotz des Weggangs ihres kreativsten Kopfes Peter Lund (er bevorzugte ab 2002 eine Professur an der UdK) dessen Rückkehren nach Neukölln absolute Herzstücke des Erfolges blieben. Geniestreiche wie Lunds „Die Krötzkes kommen“ (2001), „Elternabend“ (2003), oder „Frau Zucker will die Weltherrschaft“ (2011) waren und sind Highlights des Berliner ­Musiktheaters schlechthin. Von Lund steht demnächst wieder eine Produktion bevor: „Kopfkino“ – über einen medial angefixten, multipersönlichen Jugendlichen (ab 29.11.). Alle Produktionen Lunds waren so gut ­geschrieben, dass sie die Spielmarke eines „Neuköllnicals“ nie bemühen mussten, um originell zu sein.

Wie schwer es ist, sich daneben zu behaupten, beweist auch die neue „Non-Lund-Produktion“ (denn es gibt hier, analog zu ­Simenon, ‚Lunds’ und ‚Non-Lunds’). Für „La Bettleropera“ hat man sich den renommierten Komponisten Moritz Eggert geangelt. Für einen Relaunch von John Gays „Beggar’s Opera“ hat dieser 28 Songs neu geschrieben. Leider kann sich Eggert vom Tonfall Weills, Bernsteins und Rufus Wainrights nicht ganz lösen. Auch Regisseurin Michela Lucenti bleibt der Welt der „Dreigroschenoper“ allzu sehr ­verhaftet. Kein schlechter Abend. Aber auch kein wichtiger. Er ermutigt zur prophetischen ­Voraussage: Da kommt wieder Besseres. ­Herzlichen Glückwunsch, Neuköllner Oper!

Termine: Neuköllner Oper jeweils 20 Uhr, Karten 16 bis 25 Euro (ermäßigt 9 Euro)

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